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Christus im Alten Testamente.

Das allgemeine christliche Bekenntnis sagt: dass in Jesu von Nazareth der ewige Sohn des ewigen Vaters Mensch geworden ist. Nun rühmt man sich der christlichen Erkenntnis, meint in dieser Erkenntnis allen Gläubigen des Alten Testaments überlegen zu sein, und denkt noch nicht einmal darüber nach, was das dann heißt: Jesus Christus ist die zweite Person der Gottheit, oder ist der ewige Sohn des ewigen Vaters.

Die Juden nahmen Ärgernis, als der Mensch Jesus, der noch nicht fünfzig Jahre seit seiner Geburt zählte, von sich bezeugte: ehe denn Abraham ward, bin ich; also sein ewiges Sein bezeugte. Die Juden konnten es nicht fassen, als er sprach: Abraham sah meinen Tag; Moses hat von mir geschrieben; David nennt den, welchen er als seinen Sohn zukünftig wusste, seinen Herrn.

Auch Nikodemus, der Hochgelehrte, stutzte wie vor ganz unbegreiflichen Dingen, als derselbe, der sich den Sohn des Menschen nannte, hinzusetzte „der Seiende im Himmel,“ Joh.3,13, d. i. Jehovah. Wie ist das doch möglich: ein Mensch wie wir, geboren, ein Kind in Windeln, ein Knabe, ein Mann — und eben derselbe: „Gott von Ewigkeit?“

Wie ist das doch möglich: ein Mensch auf der Erde, der niederkniet, die Hände faltet, die Augen aufhebt gen Himmel, ja der zuletzt erhöht wird an ein Kreuz — und derselbe: der Fürst des Lebens, der allmächtige Gebieter, der im Himmel mit dem Vater und dem Geist regiert und alles trägt an dem Ausspruch seiner Macht; der, wäre Er nicht, so wäre die Welt nicht? Hier prüfe ein jeder sich selbst, wie viel er von dem zweiten Artikel des symb. apost. glaubt und versteht.

Oder, dass ich es besser sage, hier prüfe ein jeder sich selbst, ob er Jesum Christum kennt, ob er, wenn er in den Evangelien den Menschen Jesum reden hört, geöffnete Ohren hat, um mit Petro zu bekennen: du allein hast Worte des ewigen Lebens; ob er geöffnete Augen hat, um zu sehen, dass alle Worte Jesu nicht Worte eines sterblichen Menschen, sondern Worte des Vaters sind, aus dem Herzen der ewigen Liebe; dass alle seine Werke — Gotteswerke sind, so dass er mit den Aposteln bekennt: du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! und mit dem Blindgeborenen und Maria Magdalena zu seinen Füßen sinkt und mit Thomas ausruft: „Mein Herr und mein Gott!“ Wir sahen seine Herrlichkeit — eine Herrlichkeit als eines Eingeborenen vom Vater.

Wer hat Gott gesehen? Wer hat ihn reden hören? Wer bringt mir von ihm Kunde und Botschaft? Wer steht wahrhaftig mit Gott in Gemeinschaft? Will jemand gen Himmel steigen? Willst du es in der Höhe suchen oder in der Tiefe? Begib dich in das Getümmel der Welt, wirst du Gott finden bei den Trunkenen, und den Frieden Gottes bei den Spöttern?

Aber vielleicht in einem Zirkel der Frommen, zu den Füßen eines Heiligen und Weisen, oder in der glühenden Andacht einer mit Weihrauchdüften und Chorgesängen gleichsam gen Himmel aufsteigenden Beterschar? Oder in der Bußzelle vor einem Kruzifix, unter Nachtwachen, in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit der Seele, in lautloser Stille?

Niemand hat Gott je gesehen — so bezeugt ein Apostel — der eingeborene Sohn, der in dem Schoß des Vaters ist, der hat es uns verkündigt. Er hat es gesagt, wie es steht zwischen dem heiligen, ewigen Gott und dem sündigen Menschen — er hat es ausgelegt, wie es steht mit dem Gesetz, was der Wille des Vaters in der Höhe ist — er blickt in das Herz des Vaters und liegt an dem Busen des Vaters, und er allein ist der Weg, damit ein armer Sünder Friede finde an Gottes Vaterherzen, er allein kann es uns sagen, wie wir statt eines zürnenden Richters einen versöhnten und gnädigen Gott haben. Joh.1,18; 14,6.

Und hier frage ich abermals: Kennst du ihn, Jesum von Nazareth. aus dem Samen Davids, des großen Sünders, der um Gnade gerufen und Gnade geglaubt hat, auferweckt von Toten — und hast du durch ihn den Weg zum Vater gefunden? Weißt du es für dich selbst, dass er gekommen ist zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, und dass er zur Rechten des Vaters erhöht noch heute seinen Ruf erschallen lässt: „Kommt her zu mir“ — „mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben“ — „ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre?“

Denn das ist sein Name „Mit uns Gott,“ wie es auch in den Sprüchen heißt (8,31): „Meine Lust ist bei den Menschenkindern.“ Hast du noch nie seine Stimme gehört, seine Gegenwart verspürt? „Ich bin bei euch alle Tage“ — hat er gesagt. „Wo zwei oder drei versammelt sind zu meinem Namen, dort bin ich in ihrer Mitte.“ „Wer meine Gebote (Aufträge) bewahrt, den werde ich lieben und werde mich ihm offenbaren. Der Vater und ich, wir werden zu ihm kommen und bleibende Stätte bei ihm machen.“ Joh.14,21 ff.

Was ist es doch, wenn du dich vielleicht Jahr und Tag einsam gefühlt hast, hast niemand gefunden, der ihn kennt, zu ihm mit Beben seine Zuflucht nimmt, den deine Seele liebt — und du hörst mit einemmale die Sprache eines Bruders, eines Mitgenossen, der es auch weiß, wie schrecklich die Sünden drücken und martern, und der davon zu erzählen weiß, dass einer lebt, in dessen Wunden uns Heilung geworden? Kennst du die Stimme des Bruders, die Sprache des Glaubens, die Sprache Kanaans?

Und nun höre Jakob auf seinem Krankenbett dir erzählen von dem Engel, der ihn erlöst hatte von allem Bösen (Gen. 48,15), höre ihn auf seinem Todbett ausrufen: „Jehovah, auf dein Heil harre und hoffe ich!“ — höre Moses: „Herr, wenn du nicht mitgehst“ — höre David: „Ich bin ein Fremdling und Pilgrim wie alle meine Väter“ 1. Chron.30,15, höre ihn in seinem Alter, da dem Leib schon alle Lebenswärme entwichen war, mit der Glut der ersten Liebe ausrufen: So wahr der Herr lebt, der mich erlöst hat aus aller Not!“ 1. Kö. 1,29, vgl. Psalm 71. — erglänzt da nicht dein Angesicht?

Wallt nicht dein Herz vor Gottesfreude: „Ja, sie haben ihn auch gekannt, den König der Gnade“ Ps.45, „den großen Bundesengel“ Ex. 33, Mal. 3, „den Christum Gottes“ Ps. 2, 2. Sam.23, „den Herrn vom Himmel,“ den „Mit uns Gott!“ Heißt es nicht in deinem Innern: „Ja, das ist er, derselbe, der sich auch mir zugeneigt hat und hat sich mir zu erkennen gegeben, Jesus Christus, gestern und heute derselbe in alle Ewigkeit.“

Was heißt denn Jesus? Er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden Mt.1,21. Und was heißt Christus? Dass Gott ihn gesalbt mit heiligem Geist und Kraft, Apg.10,38, dass Gott den gesandt, den er den gläubigen Vätern verheißen, den Messias, Joh.1,41, und dass Gott ihn zu einem Christ und Herrn, Apg.2,36, gemacht hat, der darin uns segnet, dass er einen jeden abwendet von seinen Schlechtigkeiten (bösen und argen Stücken) Apg.3,26, dass er Buße gibt und Vergebung der Sünden. Apg.5,31.

Hallt nun nicht das ganze Alte Testament von diesem Bekenntnis wider? Er kommt, er kommt, der Weibessame, der der Schlange den Kopf zertreten, der uns trösten wird von allem Mühsal auf dieser Erde, welche der Herr verflucht hat, Er wird die Seele von Trug und Frevel erlösen Ps.72. Fürwahr er trug unsere Krankheiten.

„Herr, unsere Gerechtigkeit“ ist sein Name. Ich, ich tilge eure Sünden. Wendet euch zu mir, o ihr Enden der Erde, und werdet errettet Jes.43,25; 44,22; 45,22-25. Heißt das nicht „Jesus?“ Und sind nicht alle Herzen und Angesichter gerichtet, werden sie nicht fortwährend gelenkt auf den Propheten, den Gott senden 5. Mo.18,15.18.19, auf den König, den er salben und erwecken Jes.11, auf den Hohenpriester, der aus den Brüdern hervorgehend, mit seiner Seele Bürge werden und zu Gott nahen Jer.30,21, der seine Seele zum Schuldopfer stellen und für Ungerechte (Rebellen) eintreten Jes.53., und welcher den Schmuck tragen und Priester sein wird auf seinem Thron? Sach.6,12 f.

Nennt ihn nicht David im Geist seinen Herrn und bezeugt, dass all seine Lust und Liebe ist an dem Bund, worin ihm dieser verheißen? 2. Sam. 23,1-5. Tröstet nicht der Geist die Gemeinde mit seiner Zukunft Jes.40; Sach.3,8; 6,12, und fordert nicht der Geist den Glauben an diese Verheißung als die einzig vor Gott geltende Gerechtigkeit? Habak.2,3.4.

Von wem steht denn an der Spitze, am Hauptende des Buches, geschrieben? was ist das erste Wort an den in seiner Sünde und Übertretung betroffenen Menschen? — hat Eva, die Mutter aller Lebendigen, d. h. Gläubigen, das nicht von der Zukunft Jehovahs verstanden? Gen.3 u. 4. Und was ist das letzte Wort der Bücher Mosis? „Es stand kein Prophet auf wie Mose“ 5. Mo.34,10, soll das nicht erinnern an Kap.18 und so viel sagen als: Er ist noch nicht gekommen, der da kommen soll, harrt auf ihn?

Und was ist das letzte Wort der Propheten? „Siehe, ich sende den Propheten Elia, ehe denn da kommt der große und schreckliche Tag des Herrn“ Mal.4,5. Und das letzte Wort der Hagiographen? sagt das nicht in Verbindung mit Jes.45 und Haggai 2,8 so viel als: Hinauf gen Jerusalem; da ist sein Haus, dort will er seine Verheißung erfüllen? 2. Chron.36,23.

Ist es denn nun nicht wahr, dass alle Propheten, von der Welt an, von ihm geweissagt? Apg.3,18.24, dass sie alle sehnsüchtig gefragt und geforscht haben nach dem Heil in Christo 1. Petr.1,10-12, und dass alle Apostel gar nichts anderes verkündigen, auch nichts anderes wissen und wissen wollen, als was zuvor geschrieben ist in Mose und den Propheten von den Leiden und der Auferstehung Jesu des Gesalbten? Apg.26,22.

Darum, wenn dir deiner Seelen Seligkeit lieb ist — halte sie hoch die prophetische Schrift, halte dich für dich selbst an ihre Verheißung, damit du für dich selbst ihrer Erfüllung gewiss werden mögest; und wenn du es erfahren hast, täglich mehr und mehr darin befestigt wirst, dass Gott auch für dich von Ewigkeit seinen Sohn zum Heiland und Erretter und Bundesbürgen versehen, dass er auch dir ihn gesandt hat, damit du in Freudigkeit seiner zweiten Erscheinung entgegensehen (Apg.1,11) und von Herzen einstimmen mögest in die Worte des Geistes und der Braut: Komm, Herr Jesu!

(Quelle: "Mitteilungen aus den Vorlesungen über das Alte Testament" von J. Wichelhaus, Hrsg. A. Zahn, 1891)

"Die Heilige Schrift ist das Wickelband des heiligen Kindes Jesus; löse es auf, so findest du deinen Heiland." (C.H. Spurgeon)

"Und siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, um einem jeden so zu vergelten, wie sein Werk sein wird. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte." (Offenbarung 22,12-13)