Ein Auszug aus dem Buch "Eine harte Liebe - Zwischen Reinheit und Leidenschaft" von Elisabeth Elliot, erschienen bei CLV
Über die Verwirrung, in die ich nach meinen ernsten Gebeten geriet, wundere ich mich heute gar nicht mehr. Wenn es einen »Feind der Seele« gibt (und daran zweifele ich nicht im Geringsten), dann kann er den Wunsch nach Reinheit auf keinen Fall ertragen. Ebendarum wird die Leidenschaft eines Mannes oder einer Frau zum Schlachtfeld. Der »Hirte der Seelen« verhindert das nicht. Ich war überrascht darüber, weil ich dachte, dass er das eigentlich müsste, aber er tut es nicht. Er will, dass wir lernen, unsere Waffen zu gebrauchen. Ein paar Auszüge aus meinem Tagebuch zeigen meine Verwirrung deutlich und vermitteln – fürchte ich – ein genaueres Bild von meinem damaligen Inneren, als ich es im Gedächtnis behalten habe.
2. Februar 1947
Sehnsucht nach jemand, den ich lieben könnte, aber vielleicht will der Herr mich ganz für sich haben.
3. Februar
Sara Teasdale: »Liebe – warum weine ich hinterher?«
16. Februar
Hal hat eine Verabredung mit meiner Zimmergenossin, später am Abend wartet er auf mich.
17. Februar
Hal bringt mich nach Hause. Eigentlich habe ich keine rechte Lust, mit ihm zu gehen.
18. Februar
Phil bat mich, mit ihm auszugehen. Ich lehnte ab.
21. Februar
Hal hatte fünf Verabredungen mit meiner Nachbarin in der letzten Woche. So oft bin ich, alles zusammengerechnet, noch nicht mit ihm ausgegangen.
22. Februar
Hal fuhr mich von der Post nach Hause. Ich schrieb ein Gedicht, inspiriert von der Unbeständigkeit der Paare um mich herum. Soll ich mit Hal Schluss machen, um offene Karten bitten oder ihm die Initiative überlassen?
8. März
Ich nahm eine Verabredung mit Hal zu einem Konzert an.
9. März
Verabredung nicht eingehalten; habe Hal gesagt, dass wir aufhören sollten, uns zu treffen. Hal sagt, es würde nie eine andere Frau für ihn geben.
10. März
War ich voreilig?
11. März
Soll ich mich entschuldigen?
12. März
Ich wünschte, ich hätte nicht Schluss gemacht.
14. März
Habe versucht, ihn zu sehen.
17. März
Habe mit ihm gesprochen, alle Geschenke zurückgegeben, mich bei ihm bedankt für alles, was er für mich getan hat. Vermisse ihn.
23. März
Traf Jim Elliot. Gutes Gespräch. Er ist ein netter Typ.
1. Juli
Hin und wieder denke ich über Ehelosigkeit nach … Gott kann mir ganz gewiss ein erfülltes Leben geben. Ich möchte mich niemals von ihm abwenden.
26. Oktober
Ich las von Henry Martyn aus Indien, der sich zwischen der Frau, die er liebte, und dem Missionsfeld entscheiden musste. Muss ich vielleicht zwischen Ehe und Mission wählen?
27. Oktober
Elisabeth Clephane: »Ich bitte um keine andere Sonne als das Leuchten seines Angesichts.«
11. November
Ich denke voll Sorge an die zukünftige Übersetzungsarbeit, an Ehe oder Alleinsein, an den Griechisch-Unterricht im nächsten Jahr. Ich bin nicht »festen Herzens« (s. Jes 26,3).
Eines Tages fragte mich eine Freundin im Studentenwohnheim nach meinem »Liebesleben«. »Liebesleben? Ich habe doch gar keins!« »Das kannst du mir nicht weismachen! Ich habe gehört, dass du mit Hal Schluss gemacht hast.« »Und das nennst du Liebesleben?« »Du weißt doch, was ich meine. Zumindest hast du eine Chance.« »Na gut, das mag sein.« »Und habe ich dich nicht letzte Woche mit Phil ausgehen sehen?« »Phil! Du weißt doch, warum er mich gefragt hat.« »Nein, warum?« »Er gehört zum Junggesellenclub. Da muss er doch jede Woche mit einer anderen Frau ausgehen – möglichst mit einer, die sonst nie angesprochen wird. Findest du das schmeichelhaft?«
Gut, da waren Hal, Phil und ein paar junge Männer, die schon auf der Oberschule Interesse an mir gezeigt hatten. Aber keiner von ihnen hatte auch nur die geringste Ähnlichkeit mit dem Ehemann, von dem ich träumte. Wenn die Zeiten sich vielleicht geändert haben, sehe ich doch nicht weniger Verwirrung als früher. Frauen träumen und hoffen immer noch, hängen ihre Gefühle an einen Mann, der sie nicht erwidert, und geraten in tiefe Verzweiflung. Ein Mädchen schrieb mir einen langen Brief über ihre erste Liebe, die gescheitert war. Dann berichtete sie davon, wie sie einen richtigen Märchenprinz kennengelernt hatte. Er hieß Skip. »Durch unser kurzes Gespräch wurde mir bewusst, dass er ein ganz besonderer Mensch war. Ich spürte seine enge Beziehung zum Herrn. Als meine Zimmerkameradin und ich nach diesem Abendessen nach Hause fuhren, murmelte sie, Skip sei ein ›netter Kerl‹ oder so ähnlich. Und ich sagte im Stillen zum Herrn: ›Den nehme ich, vielen Dank!‹
Zwei Wochen später gingen wir zusammen aus. Wir wollten uns ein Feuerwerk ansehen, doch es regnete. So landeten wir in einer kleinen Bar, tranken Kaffee und unterhielten uns fünf Stunden lang. Als wir schließlich heimgingen, saßen wir mit meiner Zimmerkameradin und ihrem Freund noch eine Weile zusammen. Dann wollte Skip so gerne meine künstlerischen Arbeiten sehen, und wir redeten noch ein bisschen weiter. Um zwei Uhr morgens, als wir uns endlich dazu entschließen konnten, uns zu verabschieden, sagte Skip: ›Lass uns beten.‹ Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in jenem Augenblick mein Herz schon verloren hatte. Es war für mich der Anfang einer der schmerzhaftesten Erfahrungen meines Lebens. Wir trafen uns immer häufiger und immer länger, aber plötzlich zog Skip sich zurück. Ich war die letzten drei Monate damit beschäftigt, mich von ihm zu lösen. Ich liebe ihn noch genauso wie am Anfang, aber jetzt tut es nicht mehr so weh.«
Diese Geschichten ähneln sich weitgehend. In den Frauen wächst immer wieder die uralte Sehnsucht – »Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein« (1Mo 3,16) –, die unauslöschliche Hoffnung auf Beachtung, Erwiderung der Gefühle, Beschütztwerden. In den Geschichten der Männer taucht dagegen immer wieder die Ruhelosigkeit, das Experimentieren, Erobern auf, selbst wenn tief innen ein Hunger herrscht, den Robert Service einmal so beschrieb: »Ein Hunger – nicht der im Magen, den man mit Bohnen und Speck befriedigt –, sondern der nagende Hunger eines einsamen Mannes, der Heimat sucht. Sehnsucht nach Wärme und Feuer im Kamin, weit weg von den Sorgen; vier Wände und ein Dach über dem Kopf … und eine Frau, die ihn liebt.«1
Aus meiner jetzigen Perspektive heraus wundere ich mich fast über meine Naivität damals, als ich zwanzig war. Wenn ich heute die Geschichten von der Liebe höre, die man erhofft, gewinnt und verliert, dann werde ich daran erinnert, dass gerade in diesen Herzensangelegenheiten mein eigenes Herz geprüft und durchleuchtet wurde, dass genau an dieser Stelle der Reinigungsprozess begann. »Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen« (Mt 5,8). Hat dieses »Gott schauen« wirklich einen so hohen Preis? Ist ein Herz nicht rein genug, wenn es nicht mehr als das übliche Maß an Verschlagenheit, Begehrlichkeit oder Gier enthält? Reichte es nicht aus, dass ich aufrichtig wünschte, Gott zu lieben und zu tun, was er wollte?
Niemals vergesse ich den Morgen, als unser damaliger Dekan seine Andacht in der Kapelle mit den Worten eines alten Liedes schloss – ich sehe noch seine demütige Haltung, höre seine ruhige Stimme:
Ich will ans Kreuz mich schlagen
mit dir und dem absagen,
was meinem Fleisch gelüst;
was deine Augen hassen,
das will ich fliehn und lassen,
so viel mir immer möglich ist.
Paul Gerhardt
[1 Aus: Robert Service, The Complete Poems of Robert Service (New York: Dodd, Mead and Company, 1940), S. 30-31.]
Denn wer von euch, der einen Turm bauen will, setzt sich nicht zuvor hin und berechnet die Kosten, ob er die Mittel hat zur gänzlichen Ausführung, damit nicht etwa, wenn er den Grund gelegt hat und es nicht vollenden kann, alle, die es sehen, über ihn zu spotten beginnen und sagen: Dieser Mensch fing an zu bauen und konnte es nicht vollenden!" (Lukas 14,25-30)


