Ein Aufruf, in die fruchtbaren Fußstapfen der Schwäne zu treten
Jede Handbewegung verursacht zehntausend Reaktionen. Über die verborgenen Geheimnisse der Kettenreaktion von Ursache und Wirkung in der physikalischen Welt staunen wir nur. Wie viel mehr staunen wir jedoch über die Auswirkungen im Reich Gottes! Clyde Kilby, der am Wheaton College englische Literatur lehrte, dachte über diesen Punkt im Leben David Brainerds nach und staunte:
Der Stein fällt ins Wasser, verursacht Wellen, die dann unsichtbar werden, doch in der geheimnisvollen physikalischen Welt hören sie nie auf. Wenn William Carey von David Brainerd inspiriert wird und John Newton, der große Hymnenschreiber, dann sagt, dass Carey für ihn mehr ist als »ein Bischof oder Erzbischof, sondern ein Apostel«, dann sind die Wellen offensichtlich in Bewegung geraten. Oder wenn Adoniram Judson von Carey inspiriert wurde, in Burma als Missionar zu arbeiten, dann ist es klar, dass die Wellen immer noch in Bewegung sind. Wenn William Cowper vor zweihundert Jahren in dunklen Stunden eine Kadenz, einen Reim und eine Vision von der Wirklichkeit erzeugt und eine untröstliche Kirche singt dann »God Moves in a Mysterious Way«, und man wird dadurch ermutigt, dann sind die Wellen immer noch in Bewegung. Wenn John Bunyan sich zu seiner blinden Tochter beugt, sie küsst und dann wieder ins Gefängnis geht und eine Geschichte schreibt, die dreihundert Jahre später in China einen Pastor im Untergrund ermutigt, dann gehen die Wellen weiter.
Wie groß sind die Wunder, die Gott für uns in der Geschichte bereithält! »O Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes! Wie unausforschlich sind seine Gerichte und unausspürbar seine Wege!« (Römer 11,33). John Bunyan, William Cowper und David Brainerd haben nicht umsonst gelitten. Die Steine blieben nicht ohne Wirkung – weder in ihrem eigenen Leben noch in den folgenden Jahrhunderten. Gott hauchte gegen das Wasser, und aus den kleinen Wellen wurden Wogen.
Und die Erinnerung an seine Kraft gebende Gnade vertreibt die Dunkelheit in unserem Leben. Das Leben als Christ ist ein Berg der Beschwerden Bunyans Leben zeigt uns, wie wir als Pilger leben sollen, und weist uns den Weg in die himmlische Stadt. Sein Leiden und seine Geschichte sollen uns dazu ermutigen, in einer wohlhabenden und vergnügungssüchtigen westlichen Welt das Leben als Christ aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Es gibt eine große Kluft zwischen den Christen, die Angst vor Gefängnis oder Tod haben müssen, nur weil sie Gott anbeten, und den Christen, die nicht wissen, ob ihre Kinder am Sonntagmorgen Fußball spielen sollen oder nicht. Der vollständige Titel der Pilgerreise zeigt, worum es auf dem Weg eines Christen im Wesentlichen geht: »Die Reise des Pilgers aus dieser Welt in die zukünftige: dargestellt als ein Traumbild, in dem er ausführt, wie er die gefährliche Reise bestand und sicher in dem erwähnten Lande ankam«. Für Bunyan war das Leben tatsächlich eine »gefährliche Reise«.
Der enge Weg namens Schwierigkeit führt aus dem gottlosen Tor geradewegs auf den Berg der Beschwerden. Am Fuße des Berges trinkt Christ aus einer Quelle, um sich zu erfrischen (Jesaja 49,10). Dann steigt er singend den Berg hinauf: Den Berg hinan! Ist er auch noch so steil, Er schreckt mich nicht zurück vom ew’gen Heil. Der schmale, steile Pfad geht himmelwärts, Der breite, leichte Weg zu ew’gem Schmerz. Das war Bunyans Leben – im Gefängnis gelebt und in Gleichnissen erzählt. Doch wir modernen westlichen Christen sehen Sicherheit und Bequemlichkeit als ein Recht an. Wenn wir in einer schlechten Umgebung leben, ziehen wir einfach um. Von unbequemen Beziehungen wenden wir uns ab. Wir vermeiden gefährliche Gruppierungen von Menschen, die das Evangelium noch nicht kennen.
Bunyan bittet uns, wieder auf Jesus und seine Apostel zu hören. Jesus hat uns weder ein sicheres Leben noch einen fairen Kampf versprochen. »Wie Lämmer mitten unter Wölfen« sendet er uns aus (Lukas 10,3). »Es ist dem Jünger genug, dass er sei wie sein Lehrer und der Sklave wie sein Herr. Wenn sie den Hausherrn Beelzebub genannt haben, wie viel mehr seine Hausgenossen! « (Mathäus 10,25). »Wer sein Leben liebt, wird es verlieren; und wer sein Leben in dieser Welt hasst, wird es zum ewigen Leben bewahren« (Johannes 12,25). »So kann nun keiner von euch, der nicht allem entsagt, was er hat, mein Jünger sein« (Lukas 14,33).
Vom Apostel Paulus und seinen Mitstreitern wird berichtet: »Sie stärkten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben zu verharren, und sagten, dass wir durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes hineingehen müssen« (Apostelgeschichte 14,22). Paulus weist uns auf Folgendes hin: Wir sind »Kinder, so auch Erben, Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir wirklich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden« (Römer 8,17). Wir sollten nicht »wankend werden in diesen Drangsalen. Denn ihr selbst wisst, dass wir dazu bestimmt sind« (1. Thessalonicher 3,3). Glaube und Leiden sind zwei große Geschenke Gottes: »Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden« (Philipper 1,29). Der Apostel Petrus macht im Grunde die gleiche Aussage: »Geliebte, lasst euch durch das Feuer der Verfolgung unter euch, das euch zur Prüfung geschieht, nicht befremden, als begegne euch etwas Fremdes« (1. Petrus 4,12). Das ist nichts Seltsames. Das ist normal! Das ist auch die Botschaft der Pilgerreise. Der einzige Weg zum Himmel geht über den Berg der Beschwerde. Es gibt keinen anderen.
Leiden ist genauso normal wie ein Vater, der seinen Sohn bestraft. So beschreibt der Autor des Hebräerbriefs das Leiden der Heiligen: »Was ihr erduldet, ist zur Züchtigung: Gott behandelt euch als Söhne. Denn ist der ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Wenn ihr aber ohne Züchtigung seid, deren alle teilhaftig geworden sind, so seid ihr Bastarde und nicht Söhne « (Hebräer 12,7-8). Dieses Muster hat seine Wurzeln im Alten Testament. Der Psalmist sagt: »Vielfältig ist das Unglück des Gerechten« (Psalm 34,20; siehe Galater 4,29). Wie sehr brauchen wir doch Bunyan! Wir sind schwach und dünnhäutig. Wir sind weltlich; wir passen sehr gut in unsere Gesellschaft, die Gott ignoriert. Wir sind ängstlich und besorgt und leicht zu entmutigen. Unser Blick ist nicht mehr auf die himmlische Stadt und auf die tiefe Freude, Gott zu kennen, gerichtet. Wir widmen uns den kleinen Dingen, die uns kurzfristig begeistern, die uns aber die Fähigkeit nehmen, tiefe Freude empfinden zu können. Bunyans Rat an uns ist: »Nimm täglich dein Kreuz auf und folge Jesus.« »Denn wenn jemand sein Leben erretten will, wird er es verlieren; wenn aber jemand sein Leben verliert um meinetwillen, wird er es finden« (Matthäus 16,25).
Armer schwacher William Cowper, komm und lehre uns singen
Die Frucht aus William Cowpers Leiden ist der Aufruf, uns vom abgedroschenen und alltäglichen Gottesdienst abzuwenden. Wenn das Leben als Christ in der modernen westlichen Welt nur noch leicht ist und Spaß macht, dann wird der Gottesdienst zur reinen Unterhaltung. Das Problem ist nicht der Kampf zwischen moderner Anbetungsmusik und traditionellen Lobliedern; das Problem ist, dass es während der Woche nicht genug Märtyrer gibt. Wenn keine Soldaten sterben, dann will man am Sonntag nur Bob Hope (US-amerikanischer Komiker) und einige hübsche Mädchen und nicht den Armeekaplan und einen Chirurgen. Cowper war krank. Doch in seiner Krankheit kam er zu einer Erkenntnis, die auch wir dringend nötig haben. Er sah die »Hölle«. Und manchmal sah er den »Himmel«. Er kannte den Schrecken. Und manchmal kannte er die Ekstase. Wenn ich am Sonntagmorgen die Leute zum Gottesdienst begrüße, weiß ich, dass es in der Gemeinde Menschen wie William Cowper gibt.
Es gibt Ehepartner, die kaum miteinander sprechen können. Es gibt deprimierte Teenager, die zu Hause und in der Schule ein Doppelleben führen. Es gibt Witwen, die immer noch unter der »Amputation« von ihrem Partner leiden, mit dem sie fünfzig Jahre verheiratet waren. Es gibt Alleinstehende, die nicht ein einziges Mal in den letzten zwanzig Jahren umarmt worden sind. Es gibt Männer im besten Alter, die Krebs haben. Es gibt Mütter, die hinter zwei kleinen Särgen herliefen. Es gibt Soldaten des Kreuzes, die für Jesus alles riskiert haben und Narben davontrugen. Sie sind müde und entmutigt und einsame Kämpfer. Sollen wir ihnen einen Witz erzählen? Sie können jeden Tag Comic-Hefte lesen. Von mir brauchen sie keine weiteren lustigen Geschichten oder ein aufmunterndes Lächeln. Sie brauchen jemanden mit Ernsthaftigkeit und tiefer Freude, der ihrem gebrochenen Herzen Hoffnung schenkt und denjenigen, die von lauter Belanglosigkeiten berauscht sind, hilft, den Blick auf das Wesentliche zu richten.
Was uns William Cowper durch sein Leiden gibt, ist eine Sichtweise, die die leidende Gemeinde aufrechterhält. Uns ist alles egal – bis wir anfangen zu leiden. Doch dieser Tag kommt für uns alle. Und es wäre gut, wenn wir schon vor diesem Tag die Lektion aus Cowpers Hymne »God Moves in a Mysterious Way« lernen würden:
Verzagte Heilige, nur Mut!
Die Wolke, die euch droht,
Ergießt bald Segen, euch zugut,
Und Trost herab von Gott.
Der blinde Unglaub’ irrt gar sehr;
Gott ist zu wunderbar.
Er legt sich dereinst selber aus,
Macht alles licht und klar.
Die Wolke, die euch droht,
Ergießt bald Segen, euch zugut,
Und Trost herab von Gott.
Der blinde Unglaub’ irrt gar sehr;
Gott ist zu wunderbar.
Er legt sich dereinst selber aus,
Macht alles licht und klar.
In Cowpers Hymne findet sich eine ganze Leidenstheologie. Sie ist unerschütterlich und klar und steht wie ein Mammutbaum inmitten unserer kleinen Predigten. Ach, wie sehr brauchen wir diese Verse, die Gott verherrlichen! (Die vollständige Hymne finden Sie im zweiten Kapitel.) Wie kann ein unterhaltsamer Gottesdienst – mit dem Ziel, sich unbeschwert und glücklich zu fühlen – einem Menschen helfen, sich auf Leiden oder das Sterben vorzubereiten? Wenn wir wissen, wie wir gottgefällig leiden, und wenn wir davon überzeugt sind, dass wegen Jesus »Sterben Gewinn« ist, dann wissen wir sehr gut, wie wir richtig leben sollen. Wir werden wissen, wie man über etwas lacht – nicht nur über Witze (dazu braucht man kein besonderes Feingefühl), sondern wie man der Zukunft zulacht. »Kraft und Hoheit sind ihr Gewand, und unbekümmert lacht sie dem nächsten Tag zu« (Sprüche 31,25). Wenn wir Gott loben und preisen, dann zeigen wir Gottes unvergleichliche Größe, die in Jesus Christus offenbart ist. Wenn wir uns dem Leiden willig und mit Freude unterordnen – weil die beständige Gnade des Herrn besser ist als Leben (vgl. Psalm 63,4) –, dann kommt Gottes Größe in unserem Leben am deutlichsten zum Ausdruck.
Daher ist Leiden im Glauben in dieser Welt die vollkommenste Form, um Gott zu loben und zu preisen. Wenn wir, in unserem Leiden, in Gott zutiefst zufrieden sind, dann wird er durch uns am meisten verherrlicht. Unser Problem ist nicht ein bestimmter Musikstil. Unser Problem ist unser Lebensstil. Wenn wir doch mehr bereit wären, um Jesu willen zu leiden! Dann würden wir zum Lobe des Herrn auch mehr Früchte hervorbringen. Mögen wir doch Cowpers heilige Lieder über Leiden und Freude aus ganzem Herzen singen.
Eine Leidenschaft: die Errettung von Sündern, um Gott zu verherrlichen
Wenn wir von John Bunyan gelernt haben, dass der Weg zum Leben über den Berg der Beschwerde geht, und von William Cowper, dass wir Gott ernsthaft und in tiefer Freude anbeten können, dann sollten wir von David Brainerd lernen, dass ein Leben, das Christus verherrlicht, ein Leben totaler Hingabe ist. Die Frucht von Brainerds Leiden war die Errettung hunderter Indianer und die Inspiration tausender Missionare. Sein Leiden ist wie der Schall einer Trompete über alle noch unerreichten Völker, die das Wort Christi verkündigt: »Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern, indem ihr diese tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes« (Matthäus 28,18-19).
Sein Leiden verlängert den Schatten des Kreuzes bis auf unser Leben, und wir dürfen mit Paulus sagen: »Ich bin mit Christus gekreuzigt« (Galater 2,19). Es spiegelt das Ziel und den tiefen Wunsch des Apostels wider, wenn er sagt: »Aber ich achte mein Leben nicht der Rede wert, damit ich meinen Lauf vollende und den Dienst, den ich von dem Herrn Jesus empfangen habe: das Evangelium der Gnade Gottes zu bezeugen« (Apostelgeschichte 20, 24). Es ruft uns mit den Worten von Hebräer 13,12-14 zum Kreuz von Golgatha: »Darum hat auch Jesus, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten. Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.« Wenn Sie die letzten sieben Jahre Ihres Lebens Blut gespuckt haben und im Alter von 29 Jahren sterben, dann sagen Sie nicht einfach die Worte: »Hier haben wir keine bleibende Stadt« – dann spüren Sie diese Worte wie den Wind am Abgrund einer Klippe. Ach, wie viele Menschen spüren auch diesen Wind – und laufen ins Landesinnere!
Christus und Brainerd sagen jedoch genau das Gegenteil: Da wir hier keine bleibende Stadt haben, sollten wir damit aufhören, uns mit allen Mitteln eine bleibende und luxuriöse Stadt zu schaffen. Wir sollten lieber hinausgehen, außerhalb des Tores, wo es nicht sicher und bequem ist. Ja, Golgatha ist ein freudloser Berg – ein Schädel, auf dessen Stirn »Leiden« steht. Aber denken Sie daran: »Hinter Gottes schmerzlicher Vorsehung verbirgt er ein Lächeln. « Halten Sie nicht an den Dingen fest, die Sie von einem Dienst voller Hingabe abhalten – seien Sie bereit zu leiden, damit der große Auftrag vollendet werden kann. Vergessen Sie nicht, »dass ihr für euch selbst einen besseren und bleibenden Besitz habt« (Hebräer 10,34). Sie haben Gott – und er schenkt Ihnen alles in Jesus.
»Du wirst mir kundtun den Weg des Lebens; Fülle von Freuden ist vor deinem Angesicht, Lieblichkeiten in deiner Rechten immerdar« (Psalm 16,11).
Der Weg zur ewigen Freude in Gott führt über den Berg der Beschwerde. Auf diesem Weg in die Welt der unerreichten verlorenen Sünder, wo die Buße jeder einzelnen Seele die Engel Gottes jubeln lässt, loben und preisen wir Gott. Diese Frucht des Leidens hat ewigen Bestand und vergrößert unsere Freude in Christus.
(aus dem Buch "Standhaft im Leiden" von John Piper - erschienen im CLV Verlag)
"Wenn wir aber Kinder sind, so sind wir auch Erben, nämlich Erben Gottes und Miterben des Christus; wenn wir wirklich mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm verherrlicht werden. Denn ich bin überzeugt, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll." (Römer 8,17-18)


