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Aus "Neun Predigten" - 6. Predigt - von Johannes Wichelhaus;

gehalten in Elberfeld; über 3. Mose 20,26

"Darum sollt ihr mir heilig sein, denn ich der Herr bin heilig, der euch abgesondert hat von den Völkern, daß ihr mein wäret."

In dem Herrn geliebte Gemeinde! Es ist und bleibt doch immerdar ein und dieselbe Wahrheit, um deren Panier sich die Gemeinde des unsichtbaren Herrn und Heilands unserer Seelen zusammenschnürt, die Wahrheit, welche ein Prophet in die Worte gefaßt hat: Israel, du bringst dich ins Unglück, dein Heil steht allein bei mir.

Achten wir auf die Stimme und Führungen des treuen Gottes, so werden wir wiederholt mit Zittern und Beben zu dem Bekenntnis geführt werden, daß wir unser Verderben, aber unser himmlischer Vater unsre Seligkeit will.

Eine Geschichte, welche vor andern geeignet ist, uns dieses lebendig vor Augen zu führen, ist diejenige, die wir im 16. Kapitel des 4. Buches Mose lesen von der schrecklichen Empörung des Volkes Israel wider den Herrn und den vom Herrn gesalbten Priester, von der Plage, die in Folge dessen unter dem Volk ausbrach und von der Art und Weise, wie dieser Plage gewehrt wurde.

Die Männer Korah, Dattam und Abiram hatten sich nämlich wider den Herrn empört, indem sie behaupteten, die ganze Gemeinde sei überall heilig und der Herr unter ihnen; und Moses und Aaron hätten sich über die Gemeinde erhoben, indem sie für sich allein den Dienst des Heiligtums in Anspruch genommen hätten; das Gericht, welches unmittelbar über diese Männer erging, war vor den Augen des ganzen Volkes geschehen und dennoch am andern Morgen murrte die ganze Gemeinde der Kinder Israel wider Mose und Aaron und sprachen: Ihr habt des Herrn Volk getötet.

Eine schreckliche Anklage, meine Geliebten, eine Anklage, welche gegen Mose und Aaron ausgesprochen, gegen Gott selbst gerichtet war. Wir möchten fragen, wie war es möglich? Aber wir werden aufhören, über die Hartnäckigkeit Jener uns zu verwundern, wenn wir uns selbst gründlicher anfangen kennen zu lernen. Was murrte denn das Volk, was besagte ihre Empörung?

Ihre Blindheit und ihre Sünde war, daß sie an menschlicher Heiligkeit festhielten, daß sie ansahen, was vor Augen ist und es nicht im Gedächtnis halten konnten, daß es in dem Lager Israels keine andere Heiligkeit, keine andere Hoheit und Herrlichkeit gab als die einzige Heiligkeit des ihnen von Gott gegebenen und gesalbten Hohenpriesters.

Und, oh! daß wir völlig geheilt wären, keine andere Heiligkeit zu kennen als das „Heilig dem Herrn“, welches unser Hoherpriester auf dem Diadem an seiner Stirn trägt. Blickt doch rings um euch her, ob im Lager Israels irgend ein Zelt sei, das nicht heute oder morgen sich mit allen seinen Geräten unrein gemacht habe durch einen Toten, ob im Lager Israels irgend ein Mann oder Weib, Greis oder Kind sei, das nicht heute oder morgen der Entsündigung und Versöhnung bedürfe, und blickt vor allem in euer eigenes Leben und das Innere Eures Wesens und fragt euch selbst, wo die Gemeinde sei, die vor dem Angesicht dessen, der Augen hat wie Feuerflammen, auf den Namen „Gemeinde des Herrn“ Anspruch machen und mit den stolzen Worten daherprunken könne, „die Gemeinde des Herrn ist überall heilig und der Herr ist unter ihnen.“

Oh! daß die heilige Glut seines Gesetzes uns bestrahle und unsere Nieren durchdringe, daß wir mit Jesaja ausrufen: Wehe mir, ich vergehe, denn ich bin ein Mensch unreiner Lippen und unter einem Volk unreiner Lippen wohne ich.

Gar zu tief steckt die Erhebung des eigenen Herzens und zu dick gelagert sind die Schuppen unserer Blindheit, so daß wir nie und nimmer fassen und völlig bewahren können, daß aller Ruhm dahin und daß alles eitel zur Sünde und Unreingkeit geworden ist eben dadurch, daß der Herr Sein Heiligtum unter uns aufgerichtet, Seinen Dienst unter uns angeordnet, Seinen Gesalbten uns vorgestellt hat.

Und welche Macht in Seiner Salbung liegt, das ist uns an Aaron abgebildet, der, als in Folge jener Empörung der Herr die ganze Gemeinde vertilgen wollte, auf das Wort Mose die Pfanne nahm und Feuer vom Altar darein tat und Rauchwerk darauf legte und eilend zu der Gemeinde ging und sie versöhnte, denn Aaron lief mitten unter die Gemeinde und siehe die Plage war angegangen unter dem Volk und räucherte und versöhnte das Volk. Und stand zwischen den Toten und Lebendigen, da ward der Plage gewehrt.

Da sehen wir, wessen die Gerechtigkeit und wessen die Ungerechtigkeit ist. Wir wollen nie den Abstand genommen haben von aller eigenen Gerechtigkeit und Heiligkeit, wir wollen das Gericht und den Tod von Gott nicht ausgehen und kommen lassen über alles, was in unseren fleischlichen Augen gut, heilig und fromm ist und bedenken es nicht, daß wir eben damit den Zorn Gottes über uns reizen.

O welches Wunder und Geheimnis der Gnade, daß gerade da, wo wir uns empören und ärgern an der alleinigen Heiligkeit des Hohenpriesteramtes Christi, welche alles sich dawider Erhebende mit dem Fluch und der Ausrottung belegt, dieser Hohepriester für uns in den Riß tritt und das Feuer vom Altar in seine Pfanne tut und sich mitten in den Tod und die Plage hineinwirft, um unsere Empörung zu versöhnen, so daß der Plage gewehrt wird.

Ja, er allein ist der Heilige in Israel und es ist keine Rettung für uns, wenn er nicht den Zorn abwehrt mit seinem hohenpriesterlichen Gebet und Über unseren Sünden versöhnt. Möge auch diese Morgenstunde uns ein Tropflein von diesem Lebenswasser zu kosten geben.

"Darum sollt ihr mir heilig sein, denn ich der Herr bin heilig, der euch abgesondert hat von den Völkern, daß ihr mein wäret." (Lev. 20,26)

Die verlesenen Worte werden einen sehr verschiedenen Eindruck auf uns machen und sehr verschieden von uns verstanden werden, je nach den Begriffen, die wir von Heiligkeit haben. Verstehen wir sie aus unserem Herzen und unseren Gedanken heraus, so werden wir es wie die Kinder Israel machen, werden von eigener Heiligkeit etwas wissen, uns auf Heiligung legen und dabei behaupten, den Herrn in unserer Mitte zu haben.

Verstehen wir sie aus dem Herzen und aus dem Geiste Gottes, so werden wir davor hinschwinden in unsrer Unseligkeit und Unreinheit und eben in diesem Hinschwinden an dieses Wort als ein Wort aus Gottes Munde uns anklammern zu unserem ewigen Trost. Prüfen wir uns selbst, wie wir uns gegenüber diesen Worten benehmen und erkennen daran:

1) unsere Blindheit und Herzensträgheit;
2) unseren Dünkel und Empörung, und entnehmen sodann aus diesen Worten
3) den gnädigen Willen des Herrn in unserer Berufung, und
4) wie er solchen Willen bei uns vollführt.

1. Die Worte: „Ihr sollt heilig sein, dem, ich bin heilig“ finden wir öfters in den Büchern Mosis und aus ihnen entlehnt auch im N. T. Im 19. Kapitel des 3. Buches Mose, welches man eine Auslegung und Anwendung der zehn Gebote nennen kann, finden wir die Worte an die Spitze gestellt: „Rede mit der ganzen Gemeine der Kinder Israel und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig der Herr, euer Gott. Ein Jeglicher fürchte seine Mutter und seinen Vater. Haltet meine Feiertage, denn ich bin der Herr, euer Gott.“

Zum Schluß des 22. Kapitels lesen wir ähnlich: „Darum haltet meine Gebote und tut danach, denn ich bin der Herr, daß ihr meinen heiligen Namen nicht entheiligt und ich geheiligt werde unter den Kindern Israels, denn ich bin der Herr, der euch heiligt, der euch aus Ägyptenland geführt hat, daß ich euer Gott wäre, ich der Herr.“ Solches liegt demnach in der Berufung des Herrn ein Volk zu haben, welches ein heiliges Volk sei.

Eben dasselbe sprechen die Apostel aus, wenn Petrus sagt: „Nachdem er euch berufen hat, der heilig ist, seid auch ihr heilig in allem eurem Wandel.“ Und Paulus: „Wie er uns denn erwählt hat durch denselbigen, ehe der Welt Grund gelegt ward, daß wir sollen sein heilig und unsträflich vor ihm in der Liebe.“ Eph. 1,4, und derselbe Apostel schreibt an Timotheus: „Denn er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf.“ 2. Tim. 1,9.

Wir fühlen es selbst, meine Geliebten, denn diese Wahrheit ist zu tief in unser Gewissen eingeschrieben, daß Gott nicht anders berufen und nicht anders erwählen kann, daß es in seinem Wesen liegt, wie er selbst heilig ist, so auch ein heiliges Volk zu haben. Als in der Wüste Sinais durch den Mund Mosis diese Worte gesprochen wurden, da hatte er ein Volk vor sich, das in Ägypten aufgezogen war und das er nun nach Kanaan hinüberführen wollte.

Ein Volk freilich, welches der ungezählte Same Abrahams war, aber was will das anders sagen, als ein unreines Volk, denn wo will ein Reiner kommen von denen, da Keiner rein ist. Hat sich dieses Volk wohl befunden in Ägypten? Keineswegs, es lebte ja unter solchem Druck, daß es kaum aufblicken konnte vor der Last und Geißel der Arbeit – und dennoch hat dieses Volk sich in Ägypten so wohl und heimisch gefühlt, daß es immer wieder nach Ägypten zurück wollte.

War dieses Volk ein heiliges Volk, ein Volk, das treu seinem Gott anhing, war es von Abscheu erfüllt vor den Greueln der Kananiter? Die Geschichte hat es nur zu sehr gelehrt, was der Prophet sagt: Dein Geschlecht, Hes. 26,2, und deine Geburt ist aus der Kananiter Lande, dein Vater aus den Ammonitern und deine Mutter aus den Hethitern.

Wir sprechen wohl oft von Christen und Weltkindern, von Gläubigen und Ungläubigen, aber verstehen wir auch wohl recht, was in dem Ruf Gottes liegt an diejenigen, die er als sein Volk und seine Gemeinde anreden läßt?

Manchmal mögen uns die Augen geöffnet sein, daß wir mit Schrecken erfüllt werden, wenn wir die Sitten, das Treiben der Menschen wahrnehmen – aber verstehen wir es denn wirklich, was darin liegt, daß er heilig ist, der sich unsrer angenommen hat, da wir lagen in unsrer Schande und Blöße und der uns erwählt hat, daß wir ihm heilig sein sollen.

Ihr habt wohl davon gehört, daß es Menschen gibt, die an Unreinlichkeit und Unordnung so sich gewöhnt haben, daß sie lieber alles ertragen wollen, als ein reinliches Lager, saubere Kleidung, nahrhafte Kost haben und täglich gewaschen und gesäubert zu werden. Ist das nicht unser aller Bild und Geschichte.

So tief sind wir versunken aus dem Element unseres Gottes und Schöpfers heraus, daß die größte Wohltat, die einem Menschen widerfahren kann, ja das wovon man sagen sollte, daß ein Mensch ohne dasselbe nicht Mensch sein und nicht leben kann, ärger fliehen wie die Pest und gar nicht mal wissen und fühlen, daß das Element, worin wir uns bewegen, eitel Schmutz und Unreinheit ist, die Leib und Seele verdirbt.

Tausendfach erschallt der Zuruf unseres Gottes an uns und in jedem Zuruf wirft sich der Drang aus Gott über und um uns her: Heraus aus eurem Element, aus dem Element der Unlauterkeit, Unsauberkeit, Unreinheit in das beseligende, gebende und Leben erhaltende, leuchtende Element des Lichts, der Heiligkeit, der Lauterkeit und Reinheit und alle diese Rufstimmen finden uns kälter als kalt und so gleichgültig, als sei gar keine Gefahr da, als bedürfe es nicht bei uns einer völligen Umänderung, einer tagtäglichen Abwaschung und Erneuerung.

Was gibt es für einen Kranken, der Nächte lang in seinem Schweiß gelegen hat, Wünschenswerteres als rein gekleidet zu werden, und was gibt es für einen in alle Unreinheit und Unlauterkeit versunkenes Geschöpf, was gibt es für den der Sünde und dem Tod anheimgefallenen Menschen wohl für ein Wort und Zuruf, bei dem er mehr zulauschen und aus seinen Banden sich emporrecken möchte als dieses Wort Heiligkeit, Lauterkeit und Reinheit, wo keine Finsternis, kein Totengeruch, keine Eiterbeulen kein Angstschweiß, kein Flecken, Runzel und Makel ist.

Schaut es an das Kleinod unserer himmlischen Berufung, das zubereitet worden zum Erbteil der Heiligen im Licht. O daß unsere Seele und unsere Nieren sich erregten in unserem Schoß! daß wir nur eine Ahnung davon hätten, welch ein Unglück es ist, unheilig, daß es die einzige und höchste Wohltat für uns ist, heilig zu sein.

Arme Menschen wir, daß wir so tief versunken sind von unserem Hort und Gott, daß alle unsere Sinne eitel hängen und kleben an dem, was nichts denn Unrat und Unflat ist – aber dreimal arm, daß wir so fühllos, so ganz kalt dabei bleiben können, wenn es zu uns heißt: Ihr sollt mir ein heiliges Volk sein.

2. Wenn aber der geistliche Tod, darin wir gebunden liegen, sich vornehmlich an diesem Wort gegenüber erkennen und erfahren läßt, so bleibt es doch nicht dabei, daß wir dem Zuruf Gottes gegenüber so blind und taub uns verhielten, sondern es bricht auch unsere Feindschaft in allerlei Empörung aus.

Wir lesen in unserm Text: Darum sollt ihr mir heilig sein, aber dieses Wörtlein „mir“ können und wollen wir durchaus nicht verstehen. Wer ist denn der, welcher hier redet? Es ist Jehova, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der aus freier Bewegung, allein um seines Namens willen nach dem Bund, den er mit den Vätern gemacht, ihre Nachkommen zu sich gerufen und aus allen Völkern erwählt hatte, daß sie sein Eigentum und Erbe sein sollten.

Fürwahr du bist ein verborgener Gott, ruft der Prophet aus, du Gott Israels. Wissen wir nicht, daß wir im Verderben liegen, kennen wir uns selbst nicht, so kennen wir doch noch viel weniger Ihn, der in einem unzugänglichen Licht wohnt, bei dem kein Wechsel oder nur eines Wechsels Schatten ist, vor dem alle heiligen Engel sich verhüllen, vor dem Niemand unschuldig ist, der selbst in seinen himmlischen Boten Torheit findet.

Wer will dir Kluft ermessen, welche zwischen Ihm ist und zwischen uns; wie soll sich das Licht mit der Finsternis paaren und die Finsternis mit dem Licht? Wir sehen an Israel bald genug die Unmöglichkeit hervortreten einer Gemeinschaft des heiligen Gottes mit einem ganz und gar unheiligen Volk. In die Wüste hat Er sein Volk geführt, nachdem er es mit starker Hand und ausgerecktem Arm aus der Sklaverei herausgeholt hat, und auf Sinai fährt er herab mit ihnen zu reden.

Aber als die Stimme des Allmächtigen erscholl und die Tausend mal Tausend seiner Heiligen ihre Flügel rauschen und ihre Wagen daherrollen ließen, da weigerte sich alles Volk der Stimme dessen, der da redete, denn sie fühlten sich Kinder des Todes. Und der Herr selbst weigerte sich auch mit dem Volk zu ziehen, daß nicht sein Zorn unter ihnen entbrenne und er sie alle vertilge. Und dennoch sollte sie bestehen die Gemeinschaft Gottes und der Menschen.

Gott gab die Verheißung eines Propheten, dem er seine Worte in den Mund legen werde, ich will meinen Engel vor dir hersenden, sprach er zu Mose, der dir den Weg bereiten soll; er ließ die Hütte aufrichten, wo er sich wollte finden und fragen lassen und gab dem Volk seine Gebote, Satzungen und Rechte, durch welche ein Mensch lebt, der sie hält.

Das sichtbare Zeichen und Unterpfand der Gegenwart des unsichtbaren Königs inmitten seines Volks war die Wolkensäule, denn der Hohe und Erhabene hatte seinen Lichtglanz und Herrlichkeit verhüllt vor dem sterblichen Auge.

Ja, hintennach da sehen wir’s wohl und rufen aus: Herr, Herr, langmütig, barmherzig und von großer Güte und Treue – aber wie lange, wie lange währt es, daß wir meinen, weil der Herr sich so verhüllt und an sich hält und schweigt, er sei wie wir und wir seien wie er. Er hat seine Worte, seine Gebote und Rechte uns vorgelegt und alsobald behaupten wir, mit ihm Eines Sinnes zu sein, als ob sein Wille auch unser Wille sei und wir eben dasselbe meinten, was Er.

Wir haben die Stimme des Herrn, gehört und so treibt uns die Furcht, daß wir sagen: Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun. Und wenn wir die Gebote unseres Gottes hören, so können wir ja auch nicht anders als zustimmen, daß sie gut sind. Wer hört es nicht gerne, wenn wir von dem Herrn Jesu lesen, daß er seinen Eltern gehorsam und untertan war. Wem tut es nicht wohl, wenn er in ein Haus tritt, worin der Tag des Herrn geheiligt wird.

Wer wollte es loben, wenn Jemand mordet, stiehlt, die Ehe bricht, verleumdet, neidisch und mißgünstig ist und voll Begierde dessen, was des Nächsten ist. Wie lauter, wie einfach sind alle diese Worte. Aber das ist das Wunderbare in diesen einfachen Worten, daß Gottes unsichtbare Herrlichkeit und Majestät darin niedergelegt ist.

Sobald der Gottes-Finger nur einmal anfängt diese Worte in das Herz und auf den Geist zu schreiben, wie er sie einst geschrieben hat auf die Tafel des Bundes, alsobald beginnt auch ihre Gottes-Kraft sich zu äußern. Der Geist gesellt sich zu dem Wort und durch das Wort des Gebots beginnt Gott in der Seele seine Herrschaft und sein Reich aufzurichten.

Da wird denn wohl zuallererst vor dem Gesetz offenbar, daß uns gerade das fehlt, woraus doch allein die Bewahrung der Gebote hervorgehen kann, nämlich Furcht Gottes, Respekt und Gehorsam. Redete Gott mit uns durch seine Donnerstimme, ließe er nur einen Strahl des Lichtglanzes seiner Hoheit und Heiligkeit an unserem Auge vorüberstreifen, so würden wir in dem tiefsten Wesen unseres Ich erzittern und erbeben; aber das Wort, durch eines Menschen Mund zu uns geredet, das geredete und geschriebene Wort, wie
sehr wir auch zustimmen müssen, daß es Gottes Wort ist, – es hat so wenig Autorität für uns, daß die Sünde Adams, welcher sich das Wort seines Gottes und Schöpfers durch den Teufel Wegdisputieren ließ, auch bei uns überall emporkommt.

Sollte das Gott gesagt haben, sollte das so ernstlich gemeint sein, sollte wohl der Tod und die Hölle unsere Strafe sein, wenn wir das Gebot außer acht lassen? Und je mehr der Geist das Wort bezeugt, um so gewaltiger rafft sich die innere Feindschaft auf, welche von Gehorsam gar nichts wissen will – und daß wir ohne Gott, also gottlos, daß wir ohne einen Herrn und Vater im Himmel sind, wird dem Aufrichtigen wohl daran am meisten zu seinem tiefsten Erschrecken aufgedeckt, daß er von Ehrfurcht, von dem schuldigen und unbedingten Gehorsam, von dem Untertänigkeits- und Ergebenheits-Gefühl, die der Knecht dem Herrn, der Untertan dem Fürsten, das Kind dem Vater gegenüber empfindet, so gar nichts bei sich verspüren kann.

Beharrt aber der Geist dabei das Wort wiederholt und wiederholt in Erinnerung zu bringen als das gute Wort, welches den Weg vorzeichnet zum Leben und Heil, so kommt die Lust des Verbotenen erst recht über uns, man kann und will nicht loslassen, und es steigert sich der innere Haß Gottes und des Nächsten zu Widerwillen, Murren und offenen Ausbrüchen der Empörung.

Da läßt sich die Seele das Verbotene von ihrer Phantasie vorzaubern als hänge daran ihr einziges Glück; da will man von seinen Götzen nicht lassen, da steckt man sich hinter angeborene menschliche Schwäche, da hört man auf die Satzungen des Fleisches: „Aber man muß doch dieses, man muß doch jenes“, da waffnet man sich mit dem einen Gebot, um das andere zu entkräften, ja man geht über das Gebot hinaus und zerquält sich mit allerlei Satzungen einer Scheinheiligkeit und Engeldemut, nur deshalb, weil das Fleisch es nicht anerkennen will, daß das Gebot wahrhaft gut, allein gut, ganz heilig, ganz unsträflich ist und die einzige Grundlage dauerhaften Glücks und ewiger Seligkeit.

Ja, wo wollte ich ein Ende finden, wollte ich den Regungen und Gedanken des Menschen nachgehen, wie er sich gegenüber dem Gesetz seines Gottes benimmt, wie er sich davon loszumachen, es zu entkräften, es falsch zu deuten, es zu überbieten sucht allein deshalb, weil er aus Feindschaft wider Gott und sein heiliges Wesen sich selbst nicht drangeben, Gott nicht gehorchen, vielmehr sein eigener Herr bleiben und in dem Element verharren will, dem er durch seine Geburt und durch seine selbsteigne Gesinnung angehört. Aber das Wort: Ihr sollt mir heilig sein, denn ich bin heilig – es ist Gottes Wort.

Wir dürfen demjenigen Trost zusprechen, der seine innere Feindschaft und Empörung wider Gott an diesem Wort erfährt, denn das ist ein Beweis, daß das Wort seine Wirksamkeit begonnen hat und seine Kraft an ihm äußert. Wie furchtbar auch der Widerstand sei, halte Mut du Angefochtener, denn Gott ist größer als unser Herz und ein Allmächtiger redet in dem Gebot, der eine Kraft hat, damit er kann auch Alles ihm untertänig machen.

Gerade durch das Wort „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig“ richtet er seine Herrschaft auf bei dem Volk das er berufen, das er zu seinem Eigentum erwählt hat und in dessen Mitte er Wohnung genommen. Folge nur seiner Stimme, laß das Wort nur dräuen, laß es dir die Hände und Füße zerschlagen, die nicht aufhören wollen, nach dem Verbotenen zu greifen, laß es deine Augen verdunkeln und deine Ohren mit Schrecken erfüllen – es folgt dem Sturm und Erdbeben und Feuer doch am Ende das sanfte Säuseln.

Des Streites Ende, den der Heilige mit dem sündigen und verlorenen Wurm begonnen, ist Herrlichkeit und Friede. Wir können sie nicht anders als hassen und fliehen, die Heiligkeit unseres Gottes, es ist nicht wahr, daß wir sie lieben – aber endlich, so ganz leise und unvermerkt hat das Gebot unter dem Schelten, Dräuen und Verbieten, unter dem Fluchen und Verdammen doch ein Etwas in der Seele entzündet, was mit David in dem 119. Psalm sich ausspricht.

Es ist eine ungeahnte Herrlichkeit, die in dem Gebot liegt; in immer wunderbarerem Licht erglänzt der Spiegel, darin wir unsere Schwärze tagtäglich erblicken und die Reinigkeit und Lauterkeit, welche aus Gott in dem Gebot zu uns spricht, entzündet zuletzt in der Seele eine Liebe und ein Verlangen, daß sie’s nicht mehr aushalten kann in der Finsternis und Stickluft des Todes und das Gebet emporkommt: wasche mich wohl von meiner Missetat, entsündige mich mit Ysop, daß ich schneeweiß werde, schaffe in mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist.

3. Daß aber das Gebot diese Frucht schafft, daß ein Mensch Lust gewinne zur Heiligkeit, woher kommt dieses, worin hat es seinen Grund? Wir wiederholen es: Gegenüber dem Gebot Gottes: „Ihr sollt mir heilig sein, denn ich bin heilig“ offenbart sich unser geistlicher Tod und unsere fortwährende Feindschaft wider Gott.

Es wird auch nicht anders sein, so lange wir in dieser Hütte wohnen. Je mehr dieses Gebot Einfluß auf uns gewinnt, uns begleitet, uns innerlich Befehl tut, uns sein Licht vorhält, je umfassender es wird, je tiefer es greift – um so mehr erfahren wir bei uns die völlige Unmöglichkeit, nur in einem einzigsten und kleinsten Stück uns heilig zu benehmen, lauter, keusch, rein und völlig zu sein und je entschiedener Gott die unbedingte Geltung seines Gebots bei uns behauptet, um so gewaltiger das Widerstreben, das Zweifeln, Zagen, Entmutigt-Werden und Entfliehen.

Darum sollen wir aber je mehr wir erfahren, daß wir nicht wollen und nicht können, desto mehr darauf acht haben und im Glauben es umfassen, was des Herrn Wille und des Herrn Tun ist. Ja sein Wille ist unsre Heiligung, und sein Tun und Werk ist es, daß wir ihm heilig sind, ein armes, verlorenes Volk, das er aus ewigem grundlosen Erbarmen in seine Gemeinschaft aufgenommen hat und unter seinen Hirtenstab versammelt.

Ihr sollt mir heilig sein, sagt der Herr und fügt als Grund hinzu: denn ich bin heilig. Lernen wir dieses Wort verstehen als den Ausfluß der höchsten Liebe. Wir kennen den Abstand nicht zwischen Gott und uns, wir können die Kluft nicht ermessen; von Abscheu und Zorn wider die Sünde wissen wir nur dann etwas, wenn der Geist Gottes bei uns Wohnung genommen; Gott aber weiß es und hat es ganz ermessen, was er mit diesem Wort sagt. Ihr sollt mir heilig sein, denn ich bin heilig.

Er sieht mit Einem Blick den ganzen endlosen Widerstand, und den Unverstand, Leichtsinn, Verwegenheit, Aufgeblasenheit, welche dieses Wort hervorrufen wird – und dennoch spricht er seinen Willen dahin aus, daß er uns berufen hat, Ihm ein heiliges Volk zu sein. Oh! wäre das möglich, möchten wir ausrufen; wüßte Gott es Alles, was in unserem Herzen
steckt, er würde zu uns nicht von Heiligkeit reden.

Meine Geliebten! Gott kennt uns doch wohl besser als wir selbst es kennen, er muß doch wohl unsere Herzenshärtigkeit nicht für seine Macht für etwas Unüberwindliches halten, sonst würde Er Seines Namens wegen nicht etwas sagen, was er nicht ausführen könnte. Wie werden wir einst, wenn die Augen uns geöffnet sind, ihm danken, daß er sich allen unseren Widerstand, all unsere Sünde und Übertretung nicht hat hindern lassen, seinen gnädigen Willen über uns dahin auszusprechen: Ihr sollt mir ein heiliges Volk sein.

Was Er spricht, das tut er auch; er fordert nichts, was er nicht selbst darstellte und hat er seinen heiligen Willen ausgesprochen, so ist eben seine Heiligkeit uns Bürge, daß ihn dieser Wille nicht gereuen wird. Schaue hinein in den geheimen Rat und Willen deines Gottes, armer Mensch, der du dich an deinen eigenen und an der Teufel Willen preisgegeben und verkauft fühlst.

Tritt in den Anfang der Schöpfung Gottes, da noch keine Spur eines Menschen über diese Erde gegangen war; da hieß es im Rat des Allerhöchsten: Wir wollen einen Menschen machen d. h. ein Gebilde vom Staub der Erde genommen in unserem Bilde, nach unserer Gleichheit, und unser Katechismus erklärt uns das: Gott hat den Menschen gut und nach seinem Ebenbild geschaffen, d. i. in wahrhaftiger Gerechtigkeit und Heiligkeit, auf daß er Gott seinen Schöpfer recht erkennte und von Herzen liebte und in ewiger Seligkeit mit ihm lebte, Ihn zu loben und zu preisen.

Und noch ehe wir geschaffen waren, war die ewige Weisheit gesalbt und der Bürge stand zur Rechten Gottes, welcher es auf sich nahm, daß dieser Rat bestehen bliebe, ob auch die Kreatur sich selbst würde verderbt haben. Vor der Grundlegung der Welt, schreibt der Apostel, hat der Vater uns, die wir Kinder des Zorns von Natur, erwählt in Christo vor Ihm heilig und unsträflich zu sein in der Liebe.

Und willst du die Ausführung dieses Rates sehen, so höre die Worte der gesalbten Weisheit, des Eingeborenen Sohnes vom Vater, die er in den Tagen seines Fleisches durch alle Zornesfluten hindurch zu dem Vater des Lichts emporgesandt und mit denen er über die Kluft eine Brücke gebaut hat, die Worte des hohenpriesterlichen Gebets: „Heiliger Vater, heilige sie in deiner Wahrheit, dein Wort ist die Wahrheit“, und weiterhin: „Ich heilige mich selbst für sie, auf daß auch sie geheiligt seien in Wahrheit.“

Das sei dein Anker, dein Trost, deine Zuversicht – wenn alles über dich hereinbricht – das Werk und die Arbeit seiner Seele, des Starken in Jakob, der sich seinen Raub nicht wird nehmen und was er auf die Schultern genommen, nicht wird entreißen lassen.

Und höre ihn zeugen, den Geist der ausgegangen vom Vater und vom Sohn, wie er geredet hat in den Propheten, wie er gearbeitet hat in den Aposteln, wie er auf diesen Tag zeugt und wirkt, der eben deshalb der heilige Geist genannt wird, damit wir in unserer Unheiligkeit an ihm einen Tröster und Beistand haben, der das Wort und Werk des Allmächtigen unter uns und in uns fördre und aufrecht halte, daß wir nicht dahinten bleiben.

Oh! daß wir alle ein Einsehen davon erhielten, daß der Herr heilig ist und daß Er allein uns heiligen kann, und daß seine Gnade und Majestät sich am herrlichsten darin offenbart, daß er gesagt hat: Ich wohne unter euch inmitten eurer Unreinigkeiten, darum sollt ihr mir heilig sein; und ich habe euch meine Sabbate gegeben zum Zeichen, daß ich der Herr es bin der euch heiligt. Schrecklich ist die Zerstörung, welche Tod, Sünde und Teufel in Gottes Schöpfung angerichtet haben, schrecklich ist die Finsternis, darin wir liegen.

Eine Herstellung, eine Erneuerung wäre nicht möglich, lägen nicht ihre Fundamente in Gottes ewigem Ratschluß. In Jesu Christo ist die Gemeinde ihm heilig, so daß es immerdar bei ihm heißt: Verdirb es nicht, denn es ist ein Segen darin. Es gereut ihn nicht der Bund und die Zusage: Ich will es machen, daß ihr in meinen Geboten wandelt und meine Rechte haltet und danach tut.

Wenn der Herr wird abgewaschen haben den Unflat der Töchter Zion, weissagt Jesaja, wird man Jerusalem eine heilige Stadt heißen; und heilig wird vor dem Herrn geachtet sein ein Jeder, der zum Leben angeschrieben ist.

Ja es jubelt der Geist, da er die Vollendung des Baues Gottes verkündet; der Weg ist gebahnt, darauf Niemand straucheln wird, darauf Blinde und Lahme voran können, auf dem kein Unreiner gehen wird; der Born ist geöffnet wider alle Sünde und Unreinigkeit und kein Einwohner der Stadt wird sagen, ich bin schwach; denn der Name der Stadt ist: der Herr ist allda, und das Volk, das er sich zur Ehre geschaffen, bekennt es und wird es bekennen: Im Herrn haben wir Gerechtigkeit und Stärke.

4. So haben wir denn einen festen Grund unserer Hoffnung und Zuversicht, nämlich des Herrn gnädigen und geoffenbarten Willen: Ihr sollt mir heilig sein, denn Ich bin heilig, der Herr, der euch abgesondert hat von den Völkern, daß ihr mein wäret.

Lernen wir aus diesen letzten Worten, in welchem Weg der Herr das was er gesagt hat, auch selbst zum Wesen bringt und selbst vollführt: „Der euch von den Völkern abgesondert hat, daß ihr mein wäret.“ Diese Worte gelten noch immerdar seinem Volk. Denn der Herr hat nicht für die Welt gebeten, sondern für die, welche der Vater ihm gegeben hat und die durch ihr Wort an ihn glauben würden.

Die Völker haben ihre Gesetze und Sitten, welche sie einer dem andern lehren und einschärfen, Gesetze und Sitten, welche der Gott dieser Welt, der ein Lügner und Menschenmörder von Anfang ist, diktiert hat und im Schwange hält. Davon sagt der Herr: Ihr sollt nicht wandeln in den Satzungen der Heiden, die ich lichten werde.

Wollt ihr dem Gericht entgehen, welches dem Weltkreis und seinen Bewohnern droht, so laßt euch abscheiden von den Völkern, damit ihr des Herrn Eigentum geworden seid. Geht heraus aus ihnen mein Volk und rührt kein Unreines an, ruft der Prophet und der Apostel.

Wer die Welt bekehren will, sehe vor sich, daß er nicht von der Welt verschlungen sei, es geht für dich und mich nur darum, aus der Welt heraus gekauft und in das Bündlein der Lebendigen eingebunden zu sein. Der Hirte ist da, der unter den sieben Leuchtern wandelt und seine Stimme reicht von einem Ende zum andern Ende.

Eine Herde ist da, die zu seinen Füßen lagert, eine große Schar der vollendeten Gerechten und es geht nur darum, so lange das Wort durch den Brand und das Getöse der Welt hindurchtönt, dieser Stimme zu gehorchen und bei der Herde eingefriedigt zu sein. Freilich wo es ans Trennen, Scheiden und Sondern geht, da geht’s ohne Schmerzen nicht ab; darum laßt uns gewarnt sein durch das Beispiel der Israeliten, welche von den Ägyptern und Kananitern sich nicht wollten scheiden und lösen lassen.

Ja, scharfer, tiefer, tödlicher Schnitte bedarf es, so sehr sind wir verwachsen mit allem dem, woran Gott keinen Gefallen haben kann. Aber Er ist getreu, der Arzt und Heiland, der Erlöser und hat der Wege und Mittel so viel um das, was sein ist, herauszuscheiden aus dem Verderben einer Welt, die sich nicht strafen läßt und den Heiligen Israels verspottet.

Mitten in den Götzentempeln tut er seine Wunder und läßt ausgehen seinen Schrecken und aus dem dicksten Haufen weiß er heraus in die Wüste zu führen, um seinem Wort Gehör zu verschaffen. Er weiß wohl Risse zu machen und Scheidewände zu stellen, Er der das Licht einst von der Finsternis geschieden und den Meereswogen ihre Grenzen gestellt hat. Es geht nicht ohne Trauern und Welken ab, wenn eine Pflanze in einen anderen Boden hinübergebracht wird und je stärker die Pflanze geworden, um so mehr muß sie an Wurzeln und Zweigen beschnitten werden.

Und der neue Boden, in den wir hinüber gebracht werden, ist zunächst für uns ein wüster, heißer Sand- und Felsboden. Den Abraham ließ Gott ausgehen aus seiner Heimat und Freundschaft, und brachte ihn in ein Land, das er nicht kannte, wo er der Teurung, steter Lebensgefahr und dem beengendsten Gefühl der Fremde ausgesetzt war, Jakob wurde aus dem Vaterhaus in den harten Dienst Mesopotamiens, Joseph aus den Armen des liebenden Vaters in die Grube und den Kerker, Moses vom Hofe Pharaos in die Wüste geführt.

Das Volk Israel konnte nicht anders gelagert werden zu den Füßen des ihnen von Gott bestellten Meisters und Mittlers, als indem es in die Einöde gebracht wurde, da es heult. Und da sie ihr Erbe eingenommen hatten und das Heiligtum in ihrer Mitte gegründet war, mußten sie abermals geschieden werden von dem, was Gott selbst ihnen gegeben, auf daß sie Ohren und ein Herz bekämen auf die Stimme ihres Gottes zu merken.

Und welche Geduld und Langmut übt der große Arzt der Seelen, um einen Sünder, einen Götzendiener, einen in dem Sichtbaren ganz verfangenen Menschen aus dem Verderben herauszuscheiden und in das Element des Heiles und der Errettung hinüberzubringen. Mit starkem Arm reißt er sein Volk aus der Sklaverei der Sünde, aus dem Joch des Gesetzes und eigenwilligen Dienstes heraus und zersprengt die Bande, worin sie gefesselt waren, aber ist damit der Erlöste nun auch schon ein Mensch geworden von anderen Sinnen und von ganz umgewandeltem Herzen.

Oh, es fehlt so viel, daß wir geschickt würden aus der Gemeinschaft mit den Werken der Finsternis, aus dem Gebiet der Eitelkeit und Nichtigkeit, des Todes und der Sünde in die Gemeinschaft dessen übergehen, der eine Flamme reiner und unaufhörlicher Tätigkeit errettender Liebe ist, daß wir in seiner Gemeinschaft erst recht erfahren und es an den Tag bringen, daß wir unter die Sünde verkauft sind, daß das Gesetz unseres Gottes geistlich, wir aber fleischlich sind.

Aber treu ist Er, der uns berufen hat zu seinem wunderbaren Licht. Bei einer Vermählung pflegt unter den Juden der Bräutigam zur Braut zu sagen, indem er einen Fingerreif ihr an die Hand gibt: „du bist mir geheiligt durch diesen Ring nach dem Gesetz Mosis und Israels.“ So ist der Bund des Herrn mit der Gemeinde.

Von einem Lichtstrahl nach dem andern läßt er uns bescheinen und bricht den blendenden Glanz seiner Heiligkeit durch die Wolke, die den milden Regen seiner Güte auf uns herniedertaut; für jeden neuen Schmutz der Sünde hat er immer neu sein Besprengungswasser und das Blut des Bundes zur Hand, uns rein zu waschen und ist wie das Feuer des Goldschmieds und wie die Seife der Wäscher und sitzt zu schmelzen und zu reinigen.

Am Ende weiß er auch die abtrünnigste Art zu überwinden mit der Macht seiner Liebe und wo nichts als Unlust und Widerstreben ist, die Lust zu entzünden zu seiner Heiligkeit und den Entfremdetsten am wärmsten an sein Herz zu drücken. Jeder neue Morgen und jedes neue Wort aus seinem Mund scheidet aufs neue zwischen Licht und Finsternis und ganz im Verborgenen ist die Schmelze wo Er alle Schlacken sondert und selbst das Gold schafft, das an dem großen Tag seinen Ruhm verkünden und seine verborgenen Schatzkammern offenbaren wird.

So ergebt euch denn, wie ihr euch auch befindet, dem Rat und Werk dessen, der sich euch zueignen will, daß ihr sein Eigentum sein sollt. In diesem Rat und Willen Gottes, in der Geduld und Beharrung, womit er diesen Rat vollführt, liegt unsere Seligkeit. Bekennt es vor Ihm, daß wir die Sünde und das Verderben wollen, daß aber Er unsere Errettung will.

Ergebt euch mit all eurer Herzenshärtigkeit und eurem Widerstreben dem Alles überwindenden allmächtigen Willen der Gnade dessen, der sein Volk ganz aus dem Dienst der Sünde und dem Verderben und Gericht der Gottlosen will herausgelöst und in seinen heiligen Dienst hinübergebracht haben.

Fürchtet das Feuer seiner Heiligkeit nicht, ob es auch oft euch dünke, als kämt ihr um und würdet davon verzehrt und zu Asche verbrannt; wo der eine Vogel verblutet, stiegt der andre empor; Er, der tötet, macht auch lebendig und Er, der schlägt, weiß wohl zu verbinden.

Das Wort, an dessen Odem wir unseren Tod gewahren, bringt in sich selbst uns das Leben und kommt dann das letzte Stündlein, wo wir herausgenommen werden aus einer argen Welt und erlöst von diesem Leib des Todes, so werden unsere Augen sich öffnen in dem Licht eines ewigen Lebens, das Er uns bereitet hat. Amen.

(Quelle: licht-und-recht.de)


"Und Gott sah, dass das Licht gut war; da schied Gott das Licht von der Finsternis." (Gen. 1,4)