§ 14. Vom Gesetz Gottes. (Solus Christus)
§ 1. Der Auctor legis.
Wenn wir vom Gesetze Gottes handeln, so ist die erste Frage, wo dieses Gesetz gegeben und zu finden ist. Die Lehre der Philosophen läuft am Ende auf den alten Satz hinaus: deorum esse munus, quod vivimus; nostrum vero, quod bene saneteque vivimus.
Denn wenn der Mensch geschaffen ist, um aus dem Unbestimmten heraus sich selbst zu bestimmen, so kann die Norm, wonach er sich bestimmt, und der Entschluss, die Geistes- und Willenskraft, wodurch er sich bestimmt, nur bei ihm selbst zu suchen sein. Daher definiert man auch das liberum arbitrium als die facultas rationis ad bonum malumve discernendum, voluntatis ad utrumvis eligendum.
Ganz in gleicher Weise spricht auch Kant von der gesetzgebenden Vernunft, dem Sittengesetz im Menschen und der freien Tat des Menschen, die Forderung des Sittengesetzes in ihm zur obersten Maxime seiner Handlungen zu machen. Ähnlich behauptet Jul. Müller (I. p. 288) einen Zwiespalt zwischen dem wahren Wesen des Ich, welches die Sünde als ein fremdes Element von sich unterscheidet, und dem empirischen Zustande des Ich, nach welchem dasselbe die Sünde als sein Eigentum anerkennen muss.
Nach diesen Theorien ist irgend ein Etwas in dem Menschen, welches von der Sünde unberührt geblieben ist, kraft dessen der Mensch selbst sein Ziel, seine Bestimmung sich vorhält, sich also selbst zum Gesetz wird und zum Gesetz sich stellt, und kraft dessen er auch im stande ist, dieses Gesetz seiner wahren Bestimmung, seines bessern Ich, seiner Vernunft oder göttlichen Natur zu ergreifen und wenn nicht zu realisieren, doch als das angestrebte und ersehnte Ziel ins Auge zu fassen und festzuhalten.
Danach haftet also das Gesetz im Menschen ― der Mensch hat das Gesetz seines Lebens in sich selbst, er besitzt als ein unverlierbares Gut das Ideal und Urbild des Menschen in seinem von Gott abstammenden Geiste. Damit wird aber offenbar gelehrt, dass der Mensch nach seinem innersten Ich, sei es auch nur der Anlage oder einem Keime nach, nach seinem wahren Sein nicht böse geworden und verfinstert, sondern gut und aufrichtig ist; denn nur von dem Guten wird das Gute erkannt und geliebt; das Gesetz des Guten kann nur redundieren aus einem solchen, dessen Sein und Beschaffensein gut ist.
Solcher Behauptung tritt nun die Schrift zuerst gegenüber, indem sie lehrt, dass Gott allein gut ist und dass allein in ihm die Zweckbestimmung aller Dinge ruht, dass es demnach für jedes geschaffene Wesen kein anderes Gesetz gibt ― als das Gesetz Gottes. Spr. 16,1 ff.
Nachdem der Mensch in Adam von Gott abgefallen ist und Gottes Gebot darangegeben hat, lebt das Gesetz Gottes in keinem einzigen Menschen mehr, sondern statt dessen eine Anmaßung zu wissen, was gut und böse ist, welche in entschiedenem Gegensatz ist mit dem Gebot des Lebens, und eine Begierde nach dem, was dem Menschen nicht zukommt.
Wenn aber auch der Mensch den allein guten Willen seines Gottes darangegeben hat, so ist dieser Wille als der Wille Gottes dadurch doch nicht aufgehoben; Gott vielmehr, wie er Gott bleibt, so beharrt er auch auf dem Gesetz als dem Ausdruck seines unveränderlichen und allein guten Willens und hält das vom Menschen verletzte, übertretene und geschändete Gebot aufrecht. Je nach der Stellung aber, die der Mensch zu Gott hat oder einnimmt, nimmt nun auch das Gesetz einen verschiedenen Charakter an.
Denn insofern Gott der Gott und Erhalter seines Geschöpfes bleibt, auch nachdem dieses Geschöpf von ihm abgefallen, unterweist, züchtigt und regieret er auch die von ihm losgerissene Welt durch sein Gesetz, auf das alle Jurisdiktion und Disziplin, alle erziehenden, erhaltenden und ordnenden, der Macht des Bösen steurenden und das Gute belohnenden und stärkenden Kräfte im Staats-, Familienund Einzelleben zurückzuführen sind.
§ 2. Usus legis civilis s. externus.
Es hat sich uns oben bei der Lehre von der imago divina ergeben, dass wir bei der Betrachtung des Menschen zweierlei zu unterscheiden haben: 1) wie und was der Mensch ist als das Geschöpf Gottes, 2) was er geworden ist durch die Übertretung Adams. In der letzteren Frage haben wir gefunden, dass dabei nicht etwa die Naturbeschaffenheit des Menschen an und für sich in Betracht kommt, sondern das Verhältnis des Menschen, worin er zu Gott stand vor dem Falle und worin er zu Gott steht nach dem Falle.
Eine abgeschnittene Blume behält die Eigenschaften einer Blume, die Änderung, die mit ihr vorgegangen, besteht darin, dass sie von der lebendigen Wurzel losgetrennt dem Tode und der fqor£ verfallen ist. So ist auch der Mensch das Geschöpf Gottes geblieben und trägt die göttlichen Züge noch an sich, welche Gott in ihm ausgeprägt.
Bewundern wir in der Tierwelt die Charakterzüge der Großmut, der Treue, der Ausdauer, des Mutes etc., wie viel mehr hat Gott den Menschen mit solchen Gaben und Eigenschaften ausgestattet. Wie nun eine jegliche Lebens- und Daseinssphäre ihre Begrenzung, ihre Ordnung und ihre Gesetze hat, so hat auch das menschliche Leben seine Sphäre und innerhalb derselben seine Gesetze. Gott wohnt im Himmel, sagt der Psalmist, aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben.
Wie Gott seine Schöpfung trägt und Freude hat an seiner Schöpfung, ganz abgesehen davon, ob diese Schöpfung Ihn kennt und zu Ihm aufblickt oder nicht, so erhält Gott auch die kt…sij der Menschenwelt in ihrer irdischen Lebenssphäre. Denn als Gott den Menschen aus dem Paradiese vertrieb, ließ er ihn die Erde bebauen, davon er genommen ist (Gen. 3, 23) und wies sowohl dem Manne wie dem Weibe einen bestimmten Beruf an.
Gleicherweise nach der Sündflut machte Gott um des Menschen Christi willen einen Bund mit der Erde, sie ferner zu tragen in seiner Langmut und gab dem menschlichen Geschlechte ein Doppelgesetz, wodurch er 1) die Heiligkeit des Bundesund Opferblutes, 2) die Heiligkeit des Menschenlebens vor dem Frevel des Menschen sicher stellte (der Mensch will wohl selbst das Bild Gottes haben ― allein die Schrift sagt, dass wir in dem Nächsten das Bild Gottes ehren sollen).
Es gibt also eine doppelte Seite der Betrachtung, eine irdische und himmlische, eine menschliche und göttliche. Nach der ersten nimmt Gott den Menschen, wie er nun einmal ist, trägt den Menschen in seiner Langmut, begrenzt seine Lebenssphäre, erhält innerhalb dieser Lebenssphäre den Menschen, sofern er sein Geschöpf ist, und bestellt dazu Gesetz, Recht und Ordnung.
Innerhalb dieser Sphäre lässt Gott den Menschen seine Körper- und Seelenkräfte ausbilden, die Materie beherrschen, alle Güter und Kräfte der Erde sich aneignen, so dass der Mensch die ganze Fülle der ihm von Gott anerschaffenen Fähigkeiten in dieser irdischen Sphäre seines Daseins zur Entfaltung bringt.
Wir folgen hier ganz der Definition Calvins (I. II. c. 2. s. 13): res terrenas voco, quae ad Deum regnumque ejus ad veram justitiam, ad futurae vitae beatitudinem non pertingunt: sed cum vita praesenti rationem relationemque habent et quodammodo intra ejus fines continentur.
Dieser Sphäre gehört der Mensch an nach awjxa und yuc» die Erde bietet ihm eine Fülle von Gütern für den Leib und für die Seele, und der Mensch hat die Fähigkeit, alles Irdische mit seinem Verstande zu durchforschen und seinem Willen und Gebrauch zu unterwerfen.
Die Gottlosigkeit der Menschen hat Gott einmal dazu gebracht, diese seine ganze irdische Schöpfung zu vernichten; und dass er sie nicht mehr verdirbt, geschieht nur um Christi und der Auserwählten willen; um sie aber zu erhalten, heiligt Gott das Familien- und das bürgerliche Leben und hält dasselbe in Zucht und Ordnung durch das äußerliche oder bürgerliche Gesetz. Auch das Gesetz der zehn Gebote hat eine solche bürgerliche, irdische Geltung und Bedeutung, welche von der geistlichen Bedeutung zu unterscheiden ist.
Bei allen Völkern der Erde und in allen religiösen oder staatlichen Gesetzgebungen finden wir die Grundzüge des Dekalogs wieder, weshalb der Apostel mit Recht sagt, dass die Heidenvölker das Werk des Gesetzes als in ihren Herzen aufgeschrieben nachweisen, Röm. 2,15. Gott ist zwar nicht mehr verpflichtet, für ein von ihm abgefallenes Geschlecht noch irgend Sorge zu tragen; aber in seiner Gnade sucht er zu erhalten, zu erretten, zu schützen und den Strom des Verderbens zu hemmen, den Wirkungen des tödlichen Giftes in dem Organismus so lange entgegenzuwirken, als es geschehen kann.
So wirkt er auf die Menschen durch das Gewissen, durch das Gesetz, durch allerlei Zucht, durch Bestrafung und Belohnung. Das Walten der Gerechtigkeit, die allem Guten und Wahrhaftigen inne wohnende Güte und Wahrheit, die Harmonie und Ordnung der Schöpfung Gottes und die segnenden Kräfte des Himmels ― sie haben nicht aufgehört unter den Menschen zu arbeiten.
Und in diesem Sinne nehmen wir keinen Anstand von häuslicher, bürgerlicher und geselliger, überhaupt menschlicher Tugend zu reden ― nur dass wir solche nicht dem Menschen zum Verdienst anrechnen, als sei er ein Schöpfer und Bewirker des Guten. Wo wir Gutes, Segnendes und Bewahrendes wahrnehmen, da sind es die guten Gaben Gottes, da ist es seine Schöpfung, seine Erziehung, seine Regierung, welche zu seiner Ehre und zum Wohle der Menschen darin hervorleuchten.
Es ist aber ein deutlicher Beweis, dass der Mensch sich sehr gut bewusst ist, was aus ihm selbst und seinem Eigenen hervorgeht, wenn wir überall das Bestreben wahrnehmen, alles Große, Erhabene, Gute auf den Menschen und den menschlichen Geist zurückzuführen, statt auf den einzigen Urheber aller Ordnung und alles Gesetzes, Gott. Liegt es denn nicht eigentlich in der Natur, in dem Instinkt und Triebe einer jeden kt…sij, dass sie auf ihre Selbsterhaltung bedacht ist, dass sie ihre Art und Ordnungen inne hält, dass sie alles Nachteilige, Schädliche, Tod, Gift und Verderben in sich enthaltende von sich abwehrt?
Wenn nun der Mensch allein des Zwanges der Gesetze, des Druckes und der Not des Lebens, der Strafe und des Gerichtes bedarf, um nur in etwas in Band, Regel und Ordnung erhalten zu werden, dass er nicht sich, seinen Nächsten und die ganze Schöpfung in Ruin und Verderben stürzt ― ist das nicht ein offenkundiger Beweis, dass der Mensch in sich selbst gar kein Gesetz der Zucht, Gebühr, des Rechts und der Ordnung trägt, sondern ein Verderber und Empörer ist, der alle Ordnung durchbrechen und verletzen würde, wenn er seiner gepriesenen Freiheit und seiner Begierde anheimgegeben wird.
Und woher hat denn das Kind seine Einfalt, woher ist in die Eltern die Liebe gelegt, dass sie an den Kindern strafen, was sie doch selber mit Lust und Liebe begehen, woher kommt es, dass die Obrigkeiten über Recht und Gesetz halten, was sie für sich selbst oft am wenigsten respektieren? Wohl mit Recht sagt deshalb Augustin: „Confitere ista omnia a Deo te habere: quicquid boni habes, esse ab ipso: a te, quicquid est rnali.“ Und derselbe „Nostrum nihil. nisi peccatum.“
Erhielte nicht Gott die Ordnungen des Familienund bürgerlichen Lebens, züchtigte und kasteite er nicht die Welt, bestellte und stärkte er nicht die Obrigkeiten, so setzte der Mensch die ganze Welt in Flammen mit seiner Begierde und stürzte mit seiner Raserei alles ins Verderben. Liefert doch die Weltgeschichte den Beweis, wie am Ende jedes Volk unaufhaltsam und unrettbar einer Gesetzlosigkeit, einer inneren Auflösung und Zerwürfnis, einem Fieber der Leidenschaften anheimfällt, wovon ein völliger Selbstzerstörungsprozess das Ende ist.
Tod und Gericht sind die Herren und Wächter über dem Grabe der Nationen ― und bezeugen es allen Menschen laut genug, dass Tod und Gericht auch ihr Ende sein wird.
§3. Vis elenchtica legis, das ist die von Gott ins Gesetz gelegte Kraft, von Sünde zu überführen und mit dem Zorn und Fluche zu belegen.
In dem vorigen § haben wir den Menschen betrachtet, abgesehen davon, wie sein innerstes „Ich“ gegen Gott gesinnt ist. Wir haben den Menschen betrachtet, insofern er der Erde angehört, insofern er nach alter Definition ein animal rationale ist. Aber die Bestimmung, wozu der Mensch geschaffen war, ist und bleibt doch eine ganz andere. Die Erde ist dem Menschen übergeben, dass von dem Menschen Gottes Name geheiligt werde, sein Reich komme, sein Wille geschehe.
Der Mensch ist berufen zur Erkenntnis Gottes, zu einem Wandel mit Gott und vor Gottes Angesicht, zur ewigen Seligkeit bei Gott. Ist auch der Mensch von Gott abgefallen, so kann doch das ewige Vorhaben Gottes, der Ursprung und Zweck seiner Schöpfung keine Änderung erfahren. Der Wille Gottes an den Menschen, die Ordnung, die er ihm gestellt, das Ziel, das er ihm bestimmt, ist in sich selbst ewig und unveränderlich.
Gott hat einmal den Menschen geschaffen in seinem Bilde und nach seiner Ähnlichkeit, so will er denn auch, dass der Mensch heilig sei, wie er heilig ist, vollkommen, wie er selbst vollkommen ist. Er will in dem Menschen den Ausdruck, die Abprägung, den Widerschein dessen erblicken, was er selbst ist ― er will des Menschen Leben, Gerechtigkeit und Seligkeit.
Aber wie soll dieser Wille von dem Menschen erkannt werden, da der Mensch infolge seines Abfalls Gott allerwärts und stets in Verdacht nimmt, keine Organe und Sinne mehr hat für Gott, für irgend eine seiner Vollkommenheiten und irgend eines seiner Worte. Wie soll dieser Wille in Ausführung kommen, da der Mensch ein Geknechteter der Sünde ist?
Wir sehen auch, dass Gott, als er mit Adam und mit Abraham einen neuen Bund geschlossen hat, auch nicht von einem Gesetze und von Werken gesprochen hat, sondern die Verheißung von Christus gegeben und auf Grund allein einer Verheißung den neuen Bund geschlossen.
Zwischen Gott und Mensch besteht mithin nach dem Falle Adams kein anderer Bund mehr und keine andere Gemeinschaft, als der Bund der Gnade auf Grund des ewigen Friedensrates, dessen Anfänger, Mittler, Ausführer und Vollender Gott selbst in Christus ist. Dazu ist also ein Gesetz nicht gegeben, damit der Mensch das Verdorbene wieder herstelle, das Verlorene wiedergewinne und den Willen Gottes vollführe.
Ein Bund, worin Gott auf der einen und der Mensch auf der andern Seite eine Verpflichtung übernähme, besteht nicht mehr, seitdem der Bund des Paradieses gebrochen. qeÕj eOEj ™stin heißt es im Galaterbrief 3,20; was er als Gott tut, tut er allein ― und die Erlösung ist ja nicht ein Menschen-, sondern ein Gotteswerk, woran also auch nicht zwei zusammenwirken können, Gott und Mensch, sondern wobei Gott alles in allem ist.
Aber wozu ist denn das Gesetz gegeben, wenn von Seiten des Menschen an eine Erfüllung des Gesetzes bei Gott gar nicht gedacht wird? Wir finden die Antwort Gal. 3 und Röm. 7; siehe auch Röm. 3,20 und 5,20. Nachdem nämlich der Mensch geworden ist, wie Einer Gottes, zu wissen, was gut und böse ist, so fasst Gott den Menschen bei dieser seiner Erkenntnis und enthüllt ihm sein Gesetz, damit durch das Gesetz der Mensch zu einer andern Erkenntnis, nämlich zu der gebracht werde, dass er nicht ist wie Gott, dass er nicht gut, dass er ein fluch und verdammungswürdiger Sünder ist.
Und hier beginnt nun die andere Sphäre, nämlich die der res divinae und coelestes, der pneumatik£, als welche Calvin bezeichnet pura Dei notitia, verae justitiae ratio et regni coelestis mysteria. Denn so gänzlich ist der Mensch von Gott entfremdet, dass er seinen Tod, seine Sünde nicht einmal kennt, dass die geistlichen Dinge ihm völlig entrückt sind.
Im Gesetze beginnt Gott zu ihm zu reden; erst durch das Gesetz tritt dem Menschen die Welt der himmlischen Dinge nahe und gegenüber. Ohne Gesetz, sagt Paulus, ist die Sünde tot, Röm. 7,8, und ich hätte die Sünde nicht erkannt, wenn nicht durch das Gesetz, V. 7. Hier meint der Apostel offenbar nicht das, was der Mensch nach seinem moralischen Gefühl „Sünde“ nennt, nämlich die sinnliche Lust oder die Selbstsucht, sondern er versteht hier unter ¹ ¡mart…a das peccatum originale, die Wurzel aller Sünde, das was in Gottes Wort die „Sünde“ heißt (Peccatum radicale, capitale et vere mortale est incognitum hominibus in toto mundo. Luth.)
Kein Mensch lässt sich ja die Meinung nehmen, dass er gerne gut werden wolle, wenn er nur könne; dass er die Wahrheit willig aufnehmen werde, wenn sie ihm nur entgegentrete, dass es ihm ernstlich und aufrichtig um das Heil seiner Seele zu tun sei. Alles, was der Mensch von Gott hört, benutzt er dazu, um sich in diesem seinem scheinbar edlen Vorhaben zu bestärken.
Es scheint also, Gott und Mensch seien einerlei Absicht und Meinung; was Gott gut heiße, heiße auch der Mensch gut, und was Gott wolle, dem trachte und eifere auch der Mensch nach, nämlich der Befreiung von der Sünde, der Liebe, der Gerechtigkeit, Wahrheit, Lauterkeit, Reinheit, Vollkommenheit und Heiligkeit.
Hier kann nun Gott nicht anders als seinen Willen, den Ausdruck dessen, was sein Wesen ist, was ihm wohl gefällt, in aller Glorie der himmlischen Majestät und Macht dem Menschen offenbaren und entgegentreten lassen, damit der Mensch daran inne werde, wie denn er, der Mensch, in seinem innersten Wesen beschaffen ist mit all seiner Weisheit, Gerechtigkeit, Frömmigkeit und Heiligkeit gegenüber der Gerechtigkeit Gottes und dem in dem Glanze des Himmels strahlenden Gesetz des Allerhöchsten, dazu ist dem Menschen das Gesetz gegeben, dass der Mensch sich vor Gott anerkenne so wie er ist.
Und dieses Amt des Gesetzes ist nicht bloß vor dem Glauben, sondern auch, nachdem jemand an Christus gläubig geworden ist, in Tätigkeit; so lange der Mensch lebt, wird er nie aufhören, immer von neuem es bei sich selbst zu suchen, sich selbst zu betrachten und zu bespiegeln und einer eigenen Gerechtigkeit nachzujagen, und darum, so lange der Mensch lebt, ist das Gesetz gestellt zu einem Zeugnis und einer Macht wider ihn, es ihm immer von neuem aufzudecken, dass alle seine guten Werke nicht taugen, dass er in seinem innersten Mark vergiftet, dass er grundverdorben und verloren ist.
Denn das, was des Menschen eigentliche Sünde ist, bleibt dem Menschen verborgen und verbirgt sich ihm immer wieder aufs neue, wenn nicht Gott durch sein Gesetz es den Menschen inne werden lässt. Man spricht von Selbstsucht und verdeckt sich damit die Selbstsucht und Eigenliebe, welche die Wurzel aller andern Eigenliebe ist; man spricht von Begierde und kennt gar nicht die Begierde, welche die Mutter aller Begierden ist.
Als das Gesetz auf dem Sinai gegeben wurde, ließ Gott den Berg des Gesetzes heiligen und bedrohte alles mit dem Tode, was zu dem Herrn auf den Berg seiner Heiligkeit hinaufsteigen wolle. Das war das alte Gesetz, in dem Paradiese dem Menschen gestellt, dass sieh der Mensch nicht anmaßen solle das was Gottes ist, es war das Gesetz der Souveränität, wonach Gott den von ihm abgefallenen Menschen aus dem Paradiese vertrieben hatte.
Als nun die Gottesstimme von dem Berge erscholl, welche in das innerste Mark und Gebein die heiligen Gebote Gottes unter Blitz und Donner hineinredete, da floh alles Volk hinweg und sprach zu Moses: Rede du mit uns, wir wollen gehorchen. Ex. 20,19 ― wie sie auch zuvor gesagt: Alles, was der Herr sagt, wollen wir tun. (Wie zeigt sich der Mensch gegenüber dem Gesetz? ― Als ein Übertreter ― ja ― aber zuerst als ein solcher, der alles tun will, was Gott ihm sagt. Und eben darin steckt die Sünde, welche der Mensch erkennen muss, soll ihm geholfen werden)
Eben dieses Volk tanzte vierzig Tage nachher um das goldene Kalb, und setzte sich nieder, zu essen und zu trinken und stand auf zu spielen. Was war nun die Sünde dieses Volkes? Dass sie des Herrn Gebot übertreten hatten und Abgötterei trieben, wird man antworten. Aber was war die Wurzel dieser Sünde und wie konnte doch diese Sünde nicht bloß in dem Volke entstehen, sondern solche Herrschaft über sie gewinnen?
Die einzelne Tatsünde nötigt uns, die Beschaffenheit zu untersuchen, welche in derselben zum Vorschein kam, und da werden wir sagen müssen, das ganze Volk war nach seiner innersten Beschaffenheit ein abgöttisches Volk. Abgöttisch aber deshalb, weil die Furcht, der Glaube und die Liebe des einigen Gottes nicht in ihnen lebte, der sich doch in so erschütternder Weise ihnen offenbart hatte.
Indem sie aber solches nicht von sich wissen und anerkennen wollten, so kamen sie bis zu einem solchen Grade der Verblendung, dass sie dem Jehova ein Fest zu feiern behaupteten, indem sie ein goldenes Kalb aufrichteten und ihren Lüsten frönten. Diese Verblendung hatte keinen andern Grund als den, dass sie Gott dienen wollten und einen Bund mit dem Herrn eingegangen waren, seine Gebote zu halten ― ohne nur einmal den Gedanken in sich aufkommen zu lassen, ob sie auch die Leute danach wären, Gottes heilige Gebote bewahren zu können.
Wer vor Gott entflieht, wenn er sich in seiner Heiligkeit offenbart, wer von lauter Angst und Todesgrauen erfüllt ist vor Gottes Herrlichkeit, wird denn der im stande sein, Gott zu lieben und ihm allein anzuhangen? Das also brachte das Volk zu Falle, dass es mit seinem wiederholten Vorsatz und Beteurung: „Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun und gehorchen“ (Ex. 24,3.7) sich vor Gott behaupten wollte als ein gehorsames, zum Guten williges und fähiges Volk.
Und so ist das aller Menschen Sünde, dass sie Gott und seinem heiligen Wort und Gebot gegenüber sich nicht anerkennen wollen, wie sie sind, sondern sich eine Erkenntnis des Guten, einen guten Willen, eine Kraft des Guten und dergleichen zuschreiben und, um nur nicht vor Gott nackt und gänzlich alles Guten ermangelnd dazustehen, wie sie sind, das Gesetz zur Hilfe nehmen, um durch den Gehorsam und die Beobachtung des Gesetzes gut zu werden und sich gut zu machen.
Darum sagt der Apostel: „Die Sünde, nachdem sie einen Anlass genommen, hat durch das Gebot mich betrogen und durch dasselbe mich getötet.“ Denn da der Mensch es nicht wissen will vor dem Gebot, dass er gänzlich zum Guten erstorben und untüchtig und geneigt ist zu allem Bösen, so verleitet die Sünde, welche den Menschen innerlich ganz besitzt und nach ihrem Willen regiert, den Menschen zu der Anmaßung und dem Dünkel, er könne und wolle etwas, steckt sich hinter das Gebot und erweckt in dem Menschen die Begierde, etwas zu sein und zu haben, was er nicht ist und hat ― nämlich Gerechtigkeit, Heiligkeit und Unschuld.
Indem nun der Mensch es bei dem Gesetze sucht und die Sünde durchs Gesetz bemeistern will, weiß er gar nicht, dass er deshalb sich nur auf das Gute verlegt und durch das Gesetz gut werden will, weil er aus Feindschaft wider Gott, aus Unglauben und Furcht es nicht eingestehen will, dass nichts als böse Begierde in ihm steckt dass er total verdorben ist. Wenn David im 51. Psalm sagt: „An dir, an dir allein hab ich gesündigt“ ― so bezeugt er damit, dass alle Tatsünden ihren letzten Grund und Ursprung haben in der Sünde des Unglaubens, dass der Mensch Gott nicht recht geben will in allen seinen Worten.
Petri Verleugnung war nur die Folge seines Selbstvertrauens, worin er dem Worte Jesu den Glauben versagte. Die Sünde der Pharisäer, indem sie den Rat Gottes zu ihrer Seligkeit verachteten, lag darin, dass sie an ihrer Frömmigkeit festhielten. Christus bezeichnet es Nikodemus, worin die Sünde der Pharisäer bestand, dass sie nämlich das Zeugnis Gottes nicht annahmen. Das ganze Volk Israel verdammte Christus zum Kreuzestode lediglich aus Eifer des Gesetzes und weil es nicht anerkennen wollte die alleinige Gerechtigkeit Gottes.
Paulus wurde aus lauter Eifer für Gott und sein Gesetz ein Verwüster der Gnade Gottes. Die Sünde, welche Johannes in seinem ersten Briefe als die ¢nom…a bezeichnet, und wovon er sagt, dass der aus Gott Geborene sie nicht begeht, ist keine andere als das Vonsichstoßen des Wortes der Wahrheit aus Selbstgerechtigkeit und Liebe der Ungerechtigkeit.
Die Sünde endlich wider den heiligen Geist ist die Tat Sauls und Judä, indem der Stolz der Selbstgerechtigkeit einen Menschen dazu bringt, sich selbst das Leben zu nehmen, statt seine Sünde anzuerkennen und Gnade zu glauben. Die wesentlichste und eigentliche Sünde des Menschen besteht also darin, dass er vor dem heiligen Gott und der Bezeugung seines Gesetzes sich durchaus nicht anerkennen will als den, welcher er ist, vielmehr des Gesetzes sich bedient, um durch Beobachtung desselben, also aus Gesetzeswerken sich dem Gerichte Gottes zu entziehen und vor Gott als gerecht, als gehorsam, als fromm, als gläubig etc. dazustehen.
Diesen Zustand nennt die Schrift ein Sein unter dem Gesetz, aber auch ein Leben ohne Gesetz ― insofern nämlich der Mensch sich dann selbst ein Gesetz stellt und als ein dem Gesetz Gehorsamer sich gebärdet, während er doch wahrlich ohne Gesetz lebt.
Aus diesem Zustande wird ein Mensch nicht eher erlöst, bis er dem Gesetz und das Gesetz ihm gestorben ist, d. h. bis er zu der Anerkennung gebracht wird, dass er bei dem Gesetz gar nichts vermag, dass er mit allen seinen Bestrebungen des Guten nur Fluch und Verdammung über sich gebracht hat ― und andererseits, dass das Gesetz von Gott dazu gar nicht gegeben ist, dass er es erfüllen solle, und dass es in Christus den Mann gefunden hat, der in seinem Tode dem Gesetze alles gebracht und geleistet hat, was zu leisten war.
Demnach ist dieses das Amt und Wirkung des Gesetzes, dass ein Mensch gänzlich und je länger je mehr davon überführt werde, dass ihm die Sünde nicht etwa bloß in den Gliedern steckt, so dass er mit Hilfe des Gebots sie austreiben könnte, sondern dass er mit seinem ganzen Denken, Wollen und Sein ein Sklave der Sünde ist, die gerade unter der Maske der Frömmigkeit ihn am meisten betrügt; dass er infolge dessen gänzlichen Abstand nehme von aller Anmaßung, etwas Gutes zu wollen oder zu können; dass er an sich selbst ein wahrhaftiges Missfallen gewinne, sich selbst vor Gott anklage, Gott recht gebe und nach Errettung seufze aus einer für ihn unbezwingbaren Macht, aus unzerbrechlichen Fesseln, aus der Herrschaft der Sünde samt allen ihren Folgen, dem Fluch, der Strafe, dem Gericht und Verderben.
§ 4. Sehr treffend und schön haben sich die Reformatoren über dieses Amt des Gesetzes ausgesprochen.
Luther f. 505 thes. 36 Vis et potentia legis est, occidere s. peccatum aeterna morte damnandum ostendere. Derselbe in der disput. II contra Antinomos f. 5, 8. Non est data lex, ut justificet aut vivificet, aut quidquam juvet ad justitiam, sed ut peccatum ostendat et iram operetur h. e. conscientiam ream faciat. Quare in re justificationis nil est docendum, dicendum, cogitandum nisi solum verbum gratiae in Christo exhibitae.
Ex his autem non sequitur legem esse abolendam et e concionibus ecclesiae tollendam. Quin eo magis est necesse eam doceri et urgeri, quod non est necessaria sed impossibilis ad justificationem ― ut homo superbus et de viribus suis praesumens erudiatur, sese per legem non posse justificari. Nam pec. catum et mors eo maxime monstranda sunt, ut homo agnoscat suam injustitiam et perditionem et ita humilietur.
Cum vero nonnisi lex utrumque doceat, satis claret legem esse maxime necessariam et utilem. Ubi enim nulluni peccatum, (sublata lege) sequitur nullum quoque esse Christum redemptorem a peccato. ― Ähnlich spricht Calvin Inst. cap. 111,4. aus: Praecipuum est legis munus, ut propriae virtutis opinione vacui et propriae justitiae fiducia exuti, egestatis autem conscientia fracti et contusi, solidam humilitatem discamus ac nostri dejectionem.
Ita fit demum, ut homo aeternae mortis (quam injustitiae suae merito sibi imminere videt) sensu perterrefactus, ad unam Dei misericordiam tanquam ad unicum salutis portum sese convertat; ut suae non esse facultatis sentiens exsolvere quod Legi debet, in se ipso desperabundus, ad opem aliunde poscendam et exspectandam respiret. ―
Da Gott diese Macht dem Gesetze gegeben hat, so ist offenbar, was sowohl diejenigen unternehmen, welche ein bloßes Evangelium ohne Gesetz gepredigt haben wollen (Antinomisten), als auch diejenigen, welche nach und neben dem Glauben eine neue Heligungs- und philosophische Sittenlehre stellen.
Mit Recht sagt Luther, dass gerade deshalb, weil es dem Menschen unmöglich ist, irgendwie das Gesetz zu erfüllen, das Gesetz unnachsichtlich bezeugt und gehandhabt werden soll, damit der Mensch von dem falschen Grund seiner Heiligung, christlichen Moral und mönchischen Werkgerechtigkeit abgebracht, und alles, was im und am Menschen ist, samt allem, was aus dem Menschen hervorgeht, unter Tod, Gericht, Sünde und Verdammung beschlossen und als Sünde und Werk des Todes und des Fleisches ans Licht des göttlichen Gerichtes gestellt und verurteilt werde, damit der Mensch aus seiner falsch evangelischen Sicherheit aufgeschreckt wahrhaftig nach Gerechtigkeit hungern und dürsten möge und sich ausstrecke nach dem geil und Leben, das in Christus vorhanden ist.
Auch irrt man sehr, wenn man eine christliche Ethik zu begründen glaubt durch die in den apostolischen Briefen enthaltenen Ermahungen. Denn alles, was die Apostel sagen, ist nicht Gebot und Sittenlehre, sondern ist alles Glaubenslehre, ist eine Durchführung der Gerechtigkeit, die in Christus Jesus ist.
Es würde Sittenlehre sein, wenn die Apostel gelehrt hätten, dass der wiedergeborene Mensch kraft seiner Wiedergeburt im stande sei, Gutes zu tun und Gottes Gebot zu erfüllen, in welchem Falle nach dem Glauben ein neues Gesetz eintreten würde. Die Apostel aber lehren, dass Christus selbst uns gemacht ist nicht bloß zur Rechtfertigung, sondern auch zur Heiligung, und Röm. 7 spricht Paulus nicht von dem Zustande des Unbekehrten, sondern von dem Wiedergeborenen, wenn er sagt: „Ich bin fleischlich, unter die Sünde verkauft; ich weiß nicht, was ich tue; das Gute, das ich will, tue ich nicht.“
Ja der Apostel ist ganz einverstanden mit dem Gesetze und will gar nichts anderes als ein Sünder und ein Verlorener sein und bleiben und mit dem Fleische in dem Gesetze der Sünde gebunden bleiben, auf dass er als ein von dem Tode Durchbohrter und mit dem Fluche Belegter an Christus hangen bleibe und in ihm allein und ganz seine Errettung habe.
Denn Christus ist es allein, der durch sein Wort und seinen Geist bei den Gläubigen alles darstellt, und Gott ist es, der es macht, dass sie seine Gebote halten und in seinen Wegen wandeln und sobald deshalb in einem Menschen nur der geringste Gedanke aufsteigt, er könne, solle und wolle etwas mit dem Gesetz ― so ist er bereits aus der Gerechtigkeit des Glaubens herausgetreten.
Man würde aber unbeirrt bei der Gerechtigkeit des Glaubens bleiben, wenn man nur statt menschliche Satzungen, Pflichten-, Tugend- und Sittenlehre aufzustellen, den zehn Geboten die Geltung und Macht, das Recht beließe, worin der Sohn Gottes sie hier auf Erden gestellt hat. Mt. 5.
§ 5. Der Dekalog.
Dass viele von den zehn Geboten eine so geringfügige Meinung haben, rührt daher dass sie weder die Beschaffenheit und Pflicht des Menschen beachten, noch, wie Calvin sagt, ad Legislatorem respiciunt, a cujus ingenio natura quoque Legis aestimanda est. Ita enim suum ingenium Deus illic delineavit, ut, si quis factis quicquid illic praecipitur repraesentet imaginem Dei sit quodammodo in vita expressurus. ―
Es sollte unter Protestanten als ausgemacht gelten, dass Christus nicht das Gesetz vervollständigt, vertieft und erweitert oder gar ein neues Gesetz gegeben hat, sondern dass er allein das, was von Gott wirklich in die zehn Gebote gelegt ist, erläutert und in dem ganzen Ernst des göttlichen Willens jeder falschen Gesetzauslegung gegenüber gehandhabt hat. Die zehn Gebote sind und bleiben der vollkommene Ausdruck des unveränderlichen, allein guten und heiligen Willens Gottes, welche weder einen Zusatz noch eine Ausmerzung dulden.
In der einfachsten, für alle fasslichen Form enthalten sie den ganzen Inbegriff aller Vorschriften und Lebensregeln. Man übersieht es gewöhnlich, dass die Reformation fast überall mit einer Auslegung des Dekalogs ins Leben getreten ist. Die Katechismen beider Konfessionen enthalten darüber Treffliches.
In Betreff der Einteilung herrscht bekanntlich die Differenz, dass entweder drei oder vier Gebote zu der ersten Tafel gezählt werden, welche die Pflichten gegen Gott umfasst. Die Tradition der Juden sowohl, als die innere Gliederung lässt der Einteilung des Augustin, welche bei den Reformierten Eingang gefunden, den Vorzug geben.
Betrachten wir nun die Gebote im einzelnen, so ist im voraus zu bemerken, 1) dass acht Gebote verbietend und dass nur zwei Gebote gebietend sind; dass aber jedes gebietende Gebot das Entgegengesetzte zugleich untersagt und umgekehrt, 2) dass die hebräische wie die griechische Form nicht sowohl heißt: Du sollst nicht töten etc. als: Nicht wirst du töten. Gott macht sein Gebot von einem Sollen, Wollen oder Können des Menschen gar nicht abhängig, sondern stellt jedes der zehn Worte als einen Reichsbefehl, als ein lebendiges Wort in seiner unmittelbaren Geltung hin ― er betrachtet den Menschen unbedingt als einen solchen, der dieses oder jenes nicht tun wird.
3) Wenn auch allein das letzte Gebot die Begierde ausdrücklich untersagt, so beweist doch dieser Schluss, dass alle Gebote, weil sie die Worte dessen sind, der Geist ist und der Herzen und Gedanken prüft, sich nicht bloß auf Handlungen, sondern auch auf die Worte, Gedanken und die innerste Gesinnung erstrecken.
4) Die zehn Gebote bilden in sich ein Ganzes, und es prägt sich in jedem einzelnen Gebot der Wille des einen Gottes aus, so dass, wer ein Gebot nicht bewahrt, des ganzen Gesetzes schuldig ist. Jak. 2,10. Dtn. 27,26.
5) Wie Gott Geist ist, ist auch sein Gebot geistlich und verlangt eine Erfüllung aus ganzem Herzen, aus unbedingtem Gehorsam, ungeheucheltem Glauben, vollkommener Liebe und Treue. Das Schwerere des Gesetzes ist demnach Glaube, Barmherzigkeit und ein rechtes Gericht. Mt. 23,23.
6) Das Gebot ist nicht aus Glauben, Gal. 3,12, d. h. es gibt nicht das Leben, sondern es fordert das Leben und das Werk. Es kann nicht anders befriedigt sein als durch ein vollkommenes Werk, eine ihm völlig entsprechende Ausführung, eine Tat, die in sich selbst eben so vollkommen eine Tat des Geistes ist, wie es selbst ein lebendiges und vollkommenes Wort ist.
7) Das Gesetz kann eben, weil es Gesetz ist, sich in keinem auch nur dem kleinsten Stücke modifizieren oder aufheben, es ist und bleibt Gesetz und ist in sich selbst unauflöslicher als Himmel und Erde, es kann deshalb auch gar keine Rücksicht und Nachsicht eintreten lassen: wie es den Menschen haben will, muss der Mensch unbedingt sein, soll er nicht verflucht werden im Gericht.
Betrachten wir nun die Gebote einzeln, so kündigt das erste Gebot dem Menschen den Willen seines Gottes an, dass er vor seinem Angesicht keine andern Götter haben mag und darf d. h. dass der Mensch ganz wie er ist als Mensch vor Gott sich einstellen und dass Gott ihm allein und ganz Gott sein soll, ohne dass irgend etwas zwischen ihm und Gott wäre, woran das Herz des Menschen hängt oder was der Mensch vor Gott einbringen wollte oder was Gott ihm versöhnen und gewogen machen möchte.
Es überführt aber dieses Gebot einen jeden Menschen, dass er tausend Dinge und Abgötter hat, welche Gottes Angesicht ihm verbergen, denen er angehört mit Leib und Seele, mit seinem Vertrauen, seiner Liebe, Huldigung und Verehrung, dass er ferner vor Gottes Angesicht gar nicht zu treten wagt, ohne seine Werke, seine Vorsätze oder auch seine Sünden und Gewissensbisse zwischen sich und Gott treten zu lassen, welche Gottes Angesicht ihm völlig verdunkeln, dass er endlich sich immer nach einer Fürsprache von Engeln, Heiligen oder dergl. umsieht, statt direkt und geraden Weges vor Gott und zu Gott hinzutreten.
Das zweite Gebot enthüllt den Willen Gottes, dass er wie er Geist ist, so auch in Geist und Wahrheit angebetet sein will, dass er allein in Christus, in dem Worte will erkannt und in keiner Weise mit der Kreatur vermengt sein, und dass alle sinnlichen, bildlichen, fleischlichen Vorstellungen von Gott, so wie jede Art des Gottesdienstes, wobei das Unsichtbare sichtbar gemacht wird und welche ein Werk menschlicher Kunst, Bildung und Empfindung ist, von dem heiligen Gott als ein Greuel verabscheut und heimgesucht wird.
Vor diesem Gebot muss der Mensch sich anerkennen als ein solcher, der gänzlich unvermögend ist, Gott so zu erkennen und zu verehren, wie er ist, indem sich der Mensch in seiner Phantasie und einer dem Worte Gottes nachgebildeten Erkenntnis immerdar eine Idee, einen Begriff, eine Vorstellung von Gott und Christus macht und ein Lehrsystem sich entwirft und dergl., welches nur ein e‡dolon ist.
Das dritte Gebot lautet im Grundtext: Nicht wirst du den Namen des Herrn deines Gottes tragen zum Eiteln. Der Name Gottes ist der Inbegriff aller seiner Tugenden und Vollkommenheiten, welche er in dem Worte, in Christus offenbart und mit welchem er unter Menschen Wohnung gemacht hat. Das Wort וא שׁ bedeutet nicht bloß Lüge, sondern alles Eitle, Windige, Leere, Nichtige, was keine Frucht des Lebens in sich hat.
Das Gebot verbietet demnach den herrlichen und heiligen Namen Gottes irgendwie in Verbindung zu bringen mit einem Schein- und Heuchelwesen und droht jedem die Strafe, welcher im Namen Gottes etwas zu tun vorgibt, wobei er eitle und irdische Zwecke verfolgt. Dieses Gebot überführt den Menschen, dass er unrein ist von Lippen, dass sein ganzer Gottesdienst, sein gesamtes Reden von Gott, sein vorgebliches Wirken und Arbeiten für Gottes Ehre vor Gott verwerflich, und dass es ihm ganz unmöglich ist, den Namen Gottes mit Wort und Tat nicht zu entheiligen und zu schänden.
Das vierte Gebot ist nicht etwa eine Einsetzung des Sabbaths, sondern setzt den Sabbath als eine göttliche Einsetzung voraus, und fordert, dass der Mensch desselben gedenke, um ihn zu heiligen. Der Sabbath ist aber ein Zeichen, dass Gott es ist, der heiligt und segnet, Hes. 20,12, er ist ein Gedächtnistag dafür, dass in Gott eine vollkommene Ruhe, Befriedigung und Seligkeit wohnt und dass die Werke Gottes vollkommen und vollendet sind, Hebr. 4,10, und so stellt denn das vierte Gebot an den Menschen die Forderung, dass er diese Herrlichkeit der Ruhe Gottes und die Vollkommenheit seines Werkes heilig und in Ehren halte und nicht durch eigenes Werk, Unruhe und Geschäftigkeit die hehre Ruhe Gottes entheilige.
Diesem Gebote gegenüber steht der Mensch schuldig, dass er es gar nicht lassen kann, durch die Unruhe der Begierde und die unaustilgbare Meinung, doch etwas tun und wirken zu müssen, sich nicht bloß selbst alle Sabbathsfreude und allen Gottesfrieden zu stören und zu rauben, sondern auch die Majestät Gottes zu kränken und zu beleidigen und seine Gottesfreude ihm zu trüben.
Die vier ersten Gebote belegen also den Menschen mit dem göttlichen Zorn und verurteilen ihn, 1) dass er die Ehre, welche Gott allein gebührt, den Götzen gibt, 2) dass er Gott gar nicht erkennen und verehren kann, wie er Geist ist, sondern immer Vorstellungen von Gott und von Gottesdienst hegt, wie sie von Menschen ersonnen und erdacht sind, 3) dass er seine Eigenliebe, Ehrgeiz und Eitelkeit immer ins Spiel bringt, wo es den Namen Gottes und dessen Ehre gilt, 4) dass er, statt in der Schöpfung Gottes in der Ruhe, welche Gott seinem Volke bereitet hat, seine ganze Freude, Frieden und Trost zu haben, (darin seinen Sonntag zu feiern), vielmehr Gottes vollkommenes Werk fortwährend schändet, teils durch die Begierde nach alle dem, was nicht aus Gott ist, teils durch die Sucht, selbst etwas schaffen und wirken zu wollen.
(Die Juden töteten Christus aus Eifer für Gott; indem sie an ihrem gemachten Gottesdienst und dem Götzen ihres Systems und ihrer Eigengerechtigkeit festhielten, verwarfen sie Christus, kreuzigten ihn als Lästerer, aus Eifer für den Namen Gottes, und beobachteten den Sabbath, indem sie ihn ans Kreuz brachten)
Von den sechs Geboten der zweiten Tafel bildet das erste gleichsam ein Mittelglied, indem es dem Menschen diejenigen vor Augen stellt, welche die Stellvertreter Gottes auf Erden sind und durch welche Gott alles Gute und allen Segen jedem einzelnen zufließen lässt. Das sechste Gebot verbietet mit dem Totschlag jede Wurzel des Totschlags, nämlich jeden Hass, Neid, Missgunst, Zorn, Unwillen und Heftigkeit.
Das siebente Gebot heiligt das Band der ehelichen Treue und Liebe und straft den Menschen, dass aus seinem Herzen die wahrhaftige Treue, Keuschheit und Lauterkeit gänzlich gewichen sind und statt dessen alle unreinen Begierden und ungeordneten Leidenschaften von ihm Besitz genommen haben, so dass die heiligsten Bande, die zartesten Gefühle, die innigsten Verhältnisse am allermeisten vom Menschen verletzt werden mit Gedanken, Worten und Werken.
Das achte Gebot mahnt den Menschen, dass Gott nach seiner Gerechtigkeit, Weisheit und Güte einem jeden das Seine zuteilt, so dass jeder das Seine treu wahrnehmen und von Gott sich erbitten, sich aber nicht das zueignen soll, was des andern ist. Das neunte Gebot deckt es dem Menschen auf, dass ein jeder, so bemüht er ist, sich selbst einen guten Namen, Anerkennung, Ehre, Gunst und Liebe unter den Menschen zu verschaffen, eben so wenig Trieb besitzt, die Ehre seines Nächsten wahrzunehmen und wert zu halten.
Endlich das zehnte Gebot führt den Menschen in das Innerste seines Busens hinein und deckt es ihm auf, dass, wie aus einer bitteren Quelle nichts denn Bitterkeit quillt, so aus seinem Innersten nichts anderes als ein unaufhörliches Begehren hervorkommt. Vgl. Lev. 19-20; Dtn. 4-10; c. 30.20; Jos. 24,19; 1. Sam. 15,22; Ps. 15.50.119; Jes. 33,15; Hes. 18,5 ff.; Mt. 5-7; Röm. 13,9; 1. Kor. 6,9; Gal. 5,18 ff. V. 14; 1. Tim. 1,5 ff.; Jak. 3,13 ff.; 4,1 ff.
§ 6. Usus paedagogicus legis.
Es ist unmöglich, die Schriftlehre von dem Gesetze richtig aufzufassen, wenn nicht zwischen Gesetz und Gesetz unterschieden wird. Wenn Paulus sagt, das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes, Röm. 8,2, vgl. Gal. 2,19, so lehrt er deutlich, dass das Gesetz entweder ein Wort des Lebens zum Leben oder des Todes zum Tode ist.
Die Polemik des Apostels in seinen meisten Briefen ist wider das Gesetz gerichtet in dem Sinne, wie es von der jüdischen Gesinnung aufgefasst wurde. Wir haben oben gesehen, dass alles, was unter dem Gesetz ist ― unter dem Fluch sich befindet, dass die Macht der Sünde das Gesetz ist, und dass der Mensch, indem er das Gesetz ergreift, um durch dasselbe in Gemeinschaft mit Gott zu treten oder zu bleiben, sich selbst den Tod zuzieht.
Gibt es denn aber keinen anderen Endzweck des Gesetzes, als die Sünde zu erregen und zu steigern, Zorn, Verdammung, Fluch und Strafe über einen Menschen zu bringen? Wenn der Apostel, Röm. 7, sagt, dass das Gebot heilig, gerecht und gut sei, dass er Mitfreude habe an dem Gesetze Gottes nach dem inneren Menschen, so erkennen wir hier noch eine andere Wirkung, die das Gesetz hat, als die oben behandelte.
Es kommt nämlich alles darauf an, wie der Mensch zum Gesetze steht. Betrachtet der Mensch das Gesetz als ein Gesetz seines Wollens, seines Wirkens, seines Wissens ― so ist es ihm ein Gesetz der Sünde und des Todes; denn was kann ein durch und durch Gott und seinem Nächsten feindlich gesinntes und neidisches Wesen mit einem Gesetze machen, welches nichts als Liebe, Güte, Wahrheit und Gerechtigkeit atmet?
So lange also der Mensch sein „Ich“ mit dem Gesetze in Verbindung bringt, das Gesetz sich zum Gesetze macht und als ein Gesetz betrachtet, was er zu erfüllen habe ― kann das Gesetz nichts anderes als Zorn und Feindschaft anrichten, den Menschen in seinem innersten Wesen aufregen und entzünden und ebenso in der härtesten Sklaverei gebunden halten, indem sich zuletzt doch alles im Menschen wider das Gesetz sträubt und das Gesetz niemals mit dem Menschen zufrieden ist, sondern auch sein Bestes, seine eifrigsten Anstrengungen verwirft und seine ernstesten Vorsätze ihm zu Schanden macht.
Aber ein ganz anderes wird das Gesetz, sobald wir es kennen lernen nicht als unser ― sondern als Gottes Gesetz. Wenn auch mitten in den Schrecken des Todes, bringt doch das Gesetz dem Menschen die erste Kunde und Kenntnis von Gott, und indem es mit dem Zorn und Fluche belegt, erweckt es doch die Sehnsucht, mit dem versöhnt zu werden, dessen Drohen, Gericht und Missfallen so schrecklich sind, Ps. 32.
Es ist doch das Gesetz in seiner Geistigkeit, welches den Menschen davon überführt, dass er fleischlich und unter die Sünde verkauft ist, es ist doch die Gerechtigkeit Gottes, die ewige Güte seines Wesens, woran unsere Ungerechtigkeit, unser Bösesein an den Tag kommt, es ist doch das ewige Licht, welches die Finsternis zur Finsternis macht.
Es ist nun freilich dem Menschen aus sich unmöglich, eine Gerechtigkeit zu lieben, welche ihn als einen gänzlich Ungerechten entlarvt, ein Gesetz als gut anzuerkennen, dessen Schrecken ihn ergriffen haben ― aber für sich selbst in sich ist und bleibt doch das Gesetz gut, und wenn der Mensch dem Gesetze recht gibt, sich selbst richtet und sich richten lässt, so enthüllt ihm auch das Gesetz seine innere, ihm innewohnende Wahrheit, Herrlichkeit und Schönheit.
Aus Gottes Wesen, Herzen und Offenbarung heraus ― also als das Gesetz Gottes entfaltet sich dann das Gesetz dem Menschen in einer Weise, dass auch in dem Menschen etwas sich zu regen und zu leben beginnt, was nicht mehr aus dem Menschen und dem Fleische, sondern was aus Gott und dem Geiste ist. Gott ist es ja, der das Gesetz gegeben, dessen innerstes Wesen in dem Gesetze ausgeprägt ist und der selbst seinem Gesetz in allen Stücken nachkommt und es zur Erfüllung und zum Wesen bringt.
Indem nun der. Mensch sich selbst vor dem Gesetz als Sünder anerkennen muss, dem Tode verfallen, in unzerbrechliche Fesseln gebunden ― so bewirkt nun das Gesetz auf der andern Seite die Erkenntnis, dass in Gott nicht Sünde, nicht Finsternis, nicht Tod und Ungerechtigkeit wohnt, sondern dass er gerecht, heilig und gut ist. So geschieht es denn, dass ein Mensch wider sich selbst Gott die Ehre gibt und bei Gott und aus Gott nach dem wahrhaftigen Heil zu fragen beginnt.
So führt und treibt dann das Gesetz zu Christus, indem der Geist Gottes in dem Gesetze den Menschen ergreift, dass es ihm nicht mehr um sich selbst und eigne Gerechtigkeit, sondern um Gott und Gottes Gebot zu tun ist. Denn das ist noch nicht die rechte Buße und Erkenntnis des Gesetzes, wenn jemand nur für sich eine Beruhigung und Versicherung der Gnade und Seligkeit sucht, um auf solche Weise von den Drohungen des Gesetzes befreit zu werden, sondern die rechte Erkenntnis des Gesetzes ist diese, dass ein Mensch danach fragt, wie Gott zu seinem Rechte komme, Gottes Wille geschehe und dem Gesetze vor und nach Gott ein Genüge geschehen sei.
Indem nun der Mensch an sich selbst erfahren hat, dass er das Gesetz in keiner Weise erfüllen kann, wie nämlich Gott seinen im Gesetz ausgedrückten Willen zu seines Namens Ehre getan haben will ― so entsteht zu gleicher Zeit die Frage, wie und durch wen denn Gott zu seinem Rechte kommen und das heilige, herrliche, selige Gottesgesetz eine ewige und vollgültige Erfüllung möge gefunden haben.
Denn wo das Gesetz, wie es geistig ist, sich zu. erfüllen und zu wirken beginnt, da fängt auch die Forderung des Gesetzes an, in dem Menschen lebendig zu werden, so dass ein anderer Wille, nämlich der Wille und das Wohlgefallen Gottes, in dem Menschen Raum gewinnt und also eine Mitfreude entsteht an dem Gesetze Gottes und ein Wollen eben dessen, was Gott will in und mit seinem Gesetze.
Denn sobald einmal der Mensch sich selbst darangegeben hat, so öffnen sich ihm die Augen zur Erkenntnis Gottes, seiner Gerechtigkeit und Wahrheit. Freilich von seiten des Menschen ist nichts mehr zu hoffen und zu erwarten; denn aus dem Fleische kommt der Geist nicht heraus, und es ist ein für allemal mit dem Menschen bei dem Gesetze eine abgetane Sache. Aber es handelt sich hier auch nicht darum, was aus dem Menschen werde, sondern wie Gott zu seinem Rechte komme und seinem Gesetze Genüge geschehe.
Hat denn nicht Gott die Erde geschaffen mit all ihren Gütern, hat er nicht den Bund der Gnade mit der Gemeinde geschlossen ― soll denn nicht er auch als Gott erkannt und geliebt sein? Ist er es nicht wert, dass er die erste Stelle im Herzen seines Geschöpfes einnehme, soll denn seine Liebe ewig verkannt, seine Gerechtigkeit von allen befeindet, seine Wahrheit allerorten verworfen sein? Soll denn der Teufel Herr bleiben auf Erden und alles unter Tod und Sünden gebunden halten?
Soll denn Gott nur Verkennung finden und seine Güte sich an niemand verherrlichen können? Soll denn die Zerstörung vollkommen und das Geschöpf seinem Schöpfer auf ewig geraubt und verloren sein? Soll es keinen Frieden geben auf Erden, kein Wohlgefallen an Menschen? Soll es unter allen Menschenkindern denn keinen einzigen geben, an dem Gott sich verherrlichen, an dem er sich offenbaren kann wie er ist? Soll man Gott nur als Richter kennen ― und nicht als Vater?
So gewiss es ist, dass von allen diesen Fragen und Forderungen des Gesetzes keine einzige aus dem Herzen des Menschen hervorkommt, da der Mensch immer nur an sich selbst bei dem Gesetze denkt, eben so gewiss ist es, dass alle diese Fragen und Forderungen des Gesetzes da entstehen, wo das Gesetz, wie es in Gott lebt und aus Gott hervorgegangen ist, zu reden und zu dringen beginnt.
Wir können diese Forderungen in vier Punkte zusammenfassen.
1) Der Mensch hat in Adam Gott die Ehre geraubt und alle Erkenntnis, Anbetung und Liebe Gottes auf Erden vernichtet, da er die Vatergüte, die einzige Weisheit und die Wahrheit seines Schöpfers und Herrn in Verdacht genommen, argen Gedanken von Gott Raum gegeben und das Gesetz der Souveränität Gottes zunichte gemacht hat.
So gewiss nun Gott ― Gott ist, so liegt in seinem Wesen die Notwendigkeit, dass er in seiner Schöpfung auch der sei, der er ist, d. i. Gott, König und Herr, mit Einem Worte, dass er seine ihm geraubte Ehre wieder habe. Gleichwie nun Gott die Ehre geraubt worden ist durch Zweifel an seiner Vatergüte und Unglauben, so muss sie ihm wiedergebracht werden durch einen vollkommenen Glauben, Liebe und Vertrauen.
2) Das Gesetz ist der unveränderliche Ausdruck des allein guten und allein rechthabenden Gotteswillens, und alles Geschaffene kann nur bestehen in der Ordnung, die Gott ihm gestellt hat; so muss denn der Wille Gottes getan, sein niedergeworfenes und zunichte gemachtes Gesetz wieder aufgerichtet und die durchbrochene und zerstörte Ordnung wieder hergestellt sein. Und wie jenes geschehen durch Ungehorsam, so muss die Herstellung geschehen durch einen vollkommenen Gehorsam, durch ein Bleiben in dem Worte und Willen Gottes trotz aller Unmöglichkeit und alles Widerstandes, trotz aller Mächte der Hölle und der Finsternis,
3) Alles das, was in die Welt gekommen ist durch des Teufels Verführung und des Menschen Abfall und Ungehorsam ― nämlich Sünde, Schuld und Strafe, muss in seiner Herrschaft und Tyrannei zunichte gemacht, muss aus dem Mittel genommen, getragen, gebüßt, gesühnt, getilgt sein. Das Urteil Gottes muss vollzogen, dem Gesetze in seinem Verdammungsurteil muss ein Genüge geschehen, der Tod mit allen seinen Schmerzen muss völlig ertragen und geschmeckt sein.
Da nun das Gesetz den Menschen, der es übertreten hat, mit dem Tode und Fluche belegt, so kann diese obedientia passiva nur durch einen solchen geleistet sein, der als Menschensohn an Fleisch und Blut Anteil hat wie alle seine Brüder, der also im vollsten Sinne des Wortes wahrer Mensch und ein in Fleische Gekommener ist, der aber dennoch an und für sich von Sünde gar nichts weiß, keine Schuld über sich gebracht und keine Strafe verdient hat.
4) Aber der Mensch selbst in seinem innersten Ich ist ja Gott feindlich gesinnt; sein Leben ist ein Leben ohne und wider Gott, seine Erkenntnis, sein Wille, seine Gefühle sind dem Worte und Gesetze Gottes entgegen, und so muss der Mensch, wie er in Adam ist, getötet und dennoch derselbige Mensch, so wie er geschaffen war zum Bilde und nach der Ähnlichkeit Gottes, zu diesem Bilde erneuert und wiederhergestellt als ein neuer Mensch, aus der Knechtschaft des Verderbens und der Herrschaft der Nichtigkeit befreit, dagegen mit ewigem Heil und vollkommener Gerechtigkeit und Heiligkeit bekleidet, wieder zu Gott gebracht werden in ein neues Paradies und die Herrlichkeit und Seligkeit eines ewigen Lebens, dem Tod, Sünde und Teufel entrückt.
Solch eine vollkommene Umschaffung, solche Zersprengung unzerbrechlicher Fesseln, solches Töten und Lebendigmachen, solch ein Durchgang durch die Schrecken eines ewigen Todes zu der Herrlichkeit eines ewigen Lebens ― kann nur durch einen solchen geschehen, welcher der Herr aus dem Himmel ist und als solcher Macht des Lebens hat in ihm selbst, und welcher als der ewige Sohn des ewigen Vaters in der äußersten Ausschließung aus der Herrlichkeit des Vaters dennoch der Sohn bleibt und als das Wort, das von Anfang war, mitten im Tode eine neue Erde und einen neuen Himmel ins Dasein stellt.
(Aus: Die Lehre der heiligen Schrift vom Worte Gottes, vom Wesen und Werken Gottes, vom Menschen und Gesetz Gottes, von Johannes Wichelhaus weiland Professor der Theologie in Halle a. S. Herausgegeben von D. Theol. A. Zahn. Dritte veränderte Auflage. Stuttgart, 1892; zu finden auf licht-und-recht.de)
"Nun bin ich aber durch das Gesetze dem Gesetz gestorben, um für Gott zu leben. Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nun lebe ich, aber nicht mehr ich [selbst], sondern Christus lebt in mir. Was ich aber jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat. Ich verwerfe die Gnade Gottes nicht; denn wenn durch das Gesetz Gerechtigkeit [kommt], so ist Christus vergeblich gestorben." (Gal. 2,19-21)
"Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt; denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die [Gebote]: »Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen, du sollst nicht begehren« — und welches andere Gebot es noch gibt —, werden zusammengefasst in diesem Wort, nämlich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!«
Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; so ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes." (Rö. 13,8-10)


