Whitefields Geheimnis
"Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen." Römer 11,36
Auf den Grundtatsachen der Gnade und der Rechtfertigung allein aus dem Glauben baute Whitefield seine Glaubenslehre auf, die er bis an sein Lebensende festhielt und zum Segen unzählbarer Menschen predigte.
Es waren dies die Lehren, welche der reformatorischen Botschaft die ungeheure Kraft gegeben hatten, und es waren dies die Lehren, welche hundert Jahre später Scharen von Gottesmännern der englischsprachigen Welt wie John Bunyan mit heiliger Leidenschaft erfüllt und zu Zeugen des Evangeliums gemacht hatten im Angesicht von Verfolgungen, Gefängnissen und Vertreibungen. Was ist denn das Geheimnis der Kraft dieser Wahrheiten?
Dies: Sie machen den Menschen klein und Gott groß. Sie erklären den Menschen für so verderbt, daß er das Gute weder will noch vermag, sein Herz für so verfinstert und seinen Willen für so versklavt, daß er die Finsternis, die Sünde und die Hölle hundertmal dem Licht, dem Leben, der Heiligkeit und dem Himmel vorzieht.
Wie die Reformatoren und die Puritaner war Whitefield von der radikalen und totalen Verderbtheit des Menschen überzeugt und daher auch von der Tatsache, daß der Mensch selbstgewählt in der Gottesferne bleibt und hoffnungslos in die Hölle fährt, wenn ihn Gottes freie Gnade nicht heimsucht und rettet.
Beides, das Wissen um unsere totale Verderbtheit und um die durch nichts verdiente und allein in Gott begründete Gnade, erzeugte in ihm eine unermeßliche Dankbarkeit, eine Dankbarkeit, die nicht anders befriedigt werden konnte, als in hemmungsloser Hingabe an diesen großen Gott und Retter. Die »doctrines of grace«, die Lehren der Gnade, oder genauer gesagt: Der Gott aller Gnade, den diese Lehre verkündigt, hatte Whitefield überwältigt.
Von dessen Gnadenwillen bezwungen, konnte und wollte Whitefield für den Rest seines Lebens nichts anderes, als dem Gott leben, der ihn erwählt, gesucht, gerufen, gerechtfertigt und verherrlicht hatte (Röm 8,30). Er schrieb wenige Jahre nach seiner Bekehrung in sein Tagebuch:
I have thrown myself blindfold into His Almighty Hands – ich habe mich blind in seine allmächtigen Hände geworfen.
Er schrieb einem Freund, als er an Bord des Küstenschiffes Mary and Ann war, das ihn zum zweiten Mal nach Schottland brachte: Ich bin ganz aufgelöst, wenn ich daran denke, daß ein solch erbärmlicher Wicht wie ich berufen sein sollte, das Ewige Evangelium zu predigen. Ich falle oft unter dem Eindruck von Gottes unterscheidender Barmherzigkeit nieder und rufe, von Ihm überwältigt: »Warum mich, Herr, warum mich?« O mein Bruder, hilf mir, das Lamm zu preisen, welches die Sünde der Welt wegnimmt!
Es war das Erscheinen der Gnade Gottes, die ihn erzog, alle Weltlichkeit zu verleugnen und in radikaler Gottseligkeit zu leben (Tit 2,11); es war die Gnade, die ihn stark machte (2Tim 2,1), sein Leben im Kampf und in der Arbeit im Evangelium restlos aufzubrauchen. Wenn es außer Paulus noch ein zweites Monument von der alles bezwingenden Macht der Gnade Gottes gibt, dann ist es George Whitefield.
Wie der Apostel in 1. Korinther 15,10 hätte auch er sagen können: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und Seine Gnade ist nicht wirkungslos gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle – das war aber nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war.
Gott gebe, daß ich nicht vergesse, daß ich erst vor kurzer Zeit ein gemeiner Zapfgeselle war in einem Wirtshaus, und daß ich, wäre ich nicht durch Gottes Gnade mit unwiderstehlicher Gewalt von da herausgezogen worden, jetzt unter allen Lebenden der haltloseste Schuft wäre.
»… der haltloseste Schuft …« Das ist die Sprache des echten Kindes der englischen Reformatoren und der Puritaner. Sie erinnert an John Bradford, einen der Märtyrer unter Maria der Blutigen, der Katholischen, den man rufen hörte, wenn er einen Verbrecher sah, der zur Richtstätte geführt wurde: But for the grace of God, there goeth John Bradford! – Dort geht John Bradford – wäre Gottes Gnade nicht.
Und wenn Whitefield sagt, Gottes Gnade habe ihn unwiderstehlich vom Wirtshaus zur Kanzel gezogen, dann ist das auch ein Widerhall des Glaubens und des Bekenntnisses John Bunyans, des armen Kesselflickers und christlichen Dulders von Bedford, der zum meistgelesenen und meistübersetzten Schriftsteller englischer Zunge wurde. Er nannte seine kurze autobiographische Schrift nicht umsonst »Grace Abounding for the Chief of Sinners – überströmende Gnade für den vornehmsten der Sünder«.
Whitefield schreibt an einen Pastor in Bath: Wäre die Liebe meines Meisters nicht wie Er selbst unendlich, wäre ich längst von Ihm verworfen worden. Aber nun weiß ich, daß Er die, die Er liebt, bis ans Ende liebt.
So hatte Whitefield geglaubt, so hatte er gelebt, so hatte er gepredigt, und so waren die Auswirkungen gewesen. Der Apostel Paulus sagte einmal in einer Abschiedsrede vor den Ältesten einer Gemeinde, die durch ihn entstanden war: Ich nehme keine Rücksicht auf mein Leben, als teuer für mich selbst, auf daß ich meinen Lauf vollende und den Dienst, den ich von dem Herrn Jesus empfangen habe, zu bezeugen das Evangelium der Gnade Gottes (Apg 20,24).
Ich wüßte nicht, wie man das Leben und den Dienst George Whitefields, des Verkündigers des Evangeliums der Gnade Gottes, treffender umschreiben könnte.
(Aus "George Whitefield - Der Erwecker Englands und Amerikas" von B. Peters, erschienen bei CLV)
Literaturempfehlungen: James Montgomery Boice, Philipp G. Ryken: "Die Lehren der Gnade - Eine Erklärung und Verteidigung der fünf Punkte des Calvinismus" und John Benton "Warum die Lehren der Gnade eine gute Nachricht sind" - erhältlich im Betanien Verlag
"Halte im Gedächtnis Jesus Christus, aus dem Samen Davids, der aus den Toten auferstanden ist nach meinem Evangelium, in dessen Dienst ich Leiden erdulde, sogar Ketten wie ein Übeltäter — aber das Wort Gottes ist nicht gekettet! Darum ertrage ich alles standhaft um der Auserwählten willen, damit auch sie die Errettung erlangen, die in Christus Jesus ist, mit ewiger Herrlichkeit.
Glaubwürdig ist das Wort: Wenn wir mitgestorben sind, so werden wir auch mitleben; wenn wir standhaft ausharren, so werden wir wir mitherrschen; wenn wir verleugnen, so wird er uns auch verleugnen; wenn wir untreu sind, so bleibt er doch treu; er kann sich selbst nicht verleugnen." (Paulus an Timotheus, 2. Brief, Kapitel 2,8-13)


